Schueler

Gas geben – auch in der Schule

Offenburger Tageblatt, 19. Februar 2014

Eine Schulstunde der besonderen Art erlebten gestern 24 Jungen und vier Mädchen von Okengymnasium und Theodor-Heuss-Realschule Offenburg, die das Sport-Profil gewählt haben: Julius Emrich, Handballer beim Champions-League Teilnehmer Kadetten Schaffhausen, gab ihnen Tipps.Offenburg. Noch etwas schüchtern sitzen die 26 Jugendlichen auf der Bank und lauschen gebannt den Worten von Julius Emrich. »Jede Woche zwei Stunden Handball in der Schule hätte ich auch gerne gehabt«, lacht der 28-Jährige. Heute ist er Profi bei den Kadetten Schaffhausen, und von genau so einer Profi-Karriere träumt hier der eine oder andere mit Sicherheit auch.

Am Okengymnasium und an der Theodor-Heuss-Realschule in Offenburg gibt es ein Sportprofil mit zusätzlichem Sportunterricht in den Klassen 5 bis 7 und Sport als Kernfach ab Klasse fünf. Handball ist da ein Schwerpunktsport. Ansprechpartner sind die Sportlehrer Marius Schweickhardt (Oken) und Erich Quarti (Theo), die gestern nur die »Assistenten-Rolle« innehatten. »Einmal im Jahr wollen wir den Jugendlichen einen großen Namen präsentieren. Da schwärmen die noch ewig davon«, erinnert sich Schweickhardt an frühere Besuche von Bundestrainer Martin Heuberger oder Ex-Weltmeister Christian Schwarzer. Gestern also war Julius Emrich da – ein bisschen auch aus privater Verbundenheit. Sascha Ruf, Fußballer aus Lahr und Freund aus Jugendtagen, ist Lehrer am Okengymnasium und hat den Kontakt hergestellt.

Um den Talenten in der Heimat ein bisschen von seiner Begeisterung für das kleine runde Leder zu vermitteln, hatte Emrich gestern Morgen in Schaffhausen sogar trainingsfrei bekommen. »In der Schweiz waren wir auch schon in Schulen, doch da schauen dich die Kinder groß an und wissen eigentlich gar nicht, was Handball ist«, hat der zweitälteste von vier Söhnen des ehemaligen Handball-Trainers Armin Emrich zuvor erzählt.

In Offenburg weiß man das natürlich. Und deshalb sind die Mädchen und Jungen auch mit Begeisterung dabei. Sprungwurf mit dem falschen Fuß. Dreher, Passspiel, Abwehrverhalten – Emrich packt in die zwei Schulstunden das komplette Repertoire. Und Erich Quarti staunt: »Bei uns schalten die Kinder schon mal ab, hier machen sie konzentriert weiter.«

Vorbilder vor Ort fehlen

Noch gibt es an Oken und »Theo« genügend Jugendliche, die am Handball Freude haben, doch der Blick in die Zukunft ist mit Skepsis behaftet. »Wir merken, dass wir keinen Bundesligisten mehr haben. Den Kindern fehlen die Vorbilder vor Ort«, glaubt Schweickhardt. Die Theodor-Heuss-Realschule hat zudem mit einem anderen Problem zu kämpfen. Jugendliche aus potenziellen Handball-Hochburgen wie Schutterwald oder Hofweier gehen verstärkt in die Werkrealschulen Ichenheim bzw. Friesenheim. Zudem: »Die Eltern überlegen sich mehr als früher, ob Handball neben G8 noch zu bewältigen ist«, gibt Schweickhardt zu. Dabei wird den Schülern Hilfestellung geboten. »Wir sind mit den Lehrern im Kontakt und helfen auch, wenn es Probleme gibt.« Doch von 65 Jugendlichen am Oken, die in sieben Schulmannschaften Handball spielen, war zuletzt nur bei einem die Versetzung gefährdet. »Eine überragende Quote«, findet Schweickhardt, und Quarti berichtet von einem ausgeprägten Sozialverhalten der Jugendlichen im Sport-Profil. »Kollegen reißen sich aus diesem Grund um diese Klassen«, sagt der Lehrer nicht ohne Stolz.

Auch Julius Emrich war am Ende der etwas anderen Trainingseinheit sehr zufrieden. »Ein paar von euch haben mir echt gefallen«, lobte der Kreisläufer und hatte auch noch ein paar Tipps parat. So sei nicht Talent entscheidend, »sondern ob man das auch will«. Er habe als Jugendlicher viele gesehen, die richtig gut waren. »Die waren dann auch in der Disco gut und haben getrunken. Doch von denen sieht man heute keinen mehr«, berichtete Emrich und versicherte den Jugendlichen: »Es gibt nichts Schöneres, als ein Spiel zu gewinnen, mit dem Bus nach Hause zu fahren und zu singen. Und dann kann man auch mal ein Bier trinken.«

Am besten mit Studium

Und ganz zum Schluss gab es noch den wichtigsten Ratschlag. Handball auf hohem Niveau, so Julius Emrich, gehe am besten mit einem Studium nebenher. »Und das heißt in der Schule Gas geben«, sagte der Mann, der nach einem Studium der Fahrzeugtechnik jetzt langsam ins Berufsleben einsteigen will. Am Saisonende läuft der Vertrag in Schaffhausen aus, gut möglich, dass man Emrich künftig in der 2. Bundesliga wieder sieht. »Im Moment telefoniere ich viel«, grinste er vielsagend und verteilte jede Menge Souvenirartikel der Kadetten, bevor es auf schnellstem Weg wieder zurück nach Schaffhausen ging.

Am Nachmittag stand das nächste Training an.

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Julius Emrich war gestern Morgen extra für zwei Schulstunden von Schaffhausen nach Offenburg gekommen und hatte viel Spaß mit den Jugendlichen.