Schueler

Claudio Esposito am Oken

„Rap ist fast wie ein Action-Film“

Während man im Hip Hop früher als „Biter“ (engl. to bite = beißen) galt, sobald man Texte oder Breakbeats anderer Rapper kopierte, ist heutzutage das Kopieren von Songstrukturen ebenso gängig wie in der Musikindustrie der Popmusik. Mittels günstiger Computerprogramme, Ghostwriting und Autotune – ein Verfahren zur automatischen Tonhöhenkorrektur bei der Musikproduktion – ist das Produzieren von Songs inzwischen auch für den versierten Laien schnell möglich. Gerade deshalb ist es immer schwieriger, guten Rap zu finden.

Rapper zum Anfassen: Der Offenburger Rapper Claudio Esposito besuchte auf Einladung von Lehrerin Rebecca Tüttelmann den WPO-Kurs Hip Hop.

Verstärkt wird diese Entwicklung dadurch, dass der Erfolg eines Rappers vielfach nicht mehr auf Authentizität, sondern auf seinen Umsatzzahlen basiert. Dafür werden Songlängen an die Vorgaben der Streamingportale angepasst, eine große Merchandising-Palette aufgefahren und zum Teil sogar Werte des Hip Hop vorgetäuscht. Deshalb wirkt heutiger Rap fast wie ein Action-Film: vieles ist konstruiert und doch erfolgreich.

So ist es kein Wunder, dass Claudio Esposito am letzten Schultag vor den Faschingsferien, in seinem Rap-Workshop einführend auf den Werteverlust der Hip Hop- Kultur, der sich seit den 2000er Jahren zeigt, aufmerksam machte. „Euren Lieblingssong habt ihr auf dem Handy. Wenn er weg ist, holt ihr ihn euch über Streaming-Portale oder auf andere Weise wieder. Früher hatte der einzelne Song einen größeren Stellenwert. Wenn die Platte weg war, war sie gar nicht oder sehr schwer zu bekommen“, so Esposito. Den Schülerinnen und Schülern präsentierte er Mixtapes und Schallplatten. Die Cover seien sehr aufwändig gestaltet worden und ebenso ein Teil der Hip Hop-Kultur gewesen. Während heutzutage die verschiedenen Disziplinen der Hip Hop-Kultur – Breakdance, Graffiti, DJing und Rap – eine starke Trennung erfahren, lebte Hip Hop anfangs von der Verschmelzung aller Aspekte. Das erste und wichtigste Element der Hip Hop-Kultur sei in den 1970er Jahren Graffiti gewesen. „Bei den ‚Block Parties‘ in New York standen Breakdance, Graffiti und DJing – das Auflegen von Platten – im Vordergrund. Rap war nur Nebensache“, erzählte Esposito davon, wie alles begann. Die Schülerinnen und Schüler, die sich im Vorfeld im Rahmen des Wahlprojektkurses Hip Hop mit den verschiedenen Disziplinen der Hip Hop-Kultur auseinandergesetzt hatten, verfolgten begeistert die Schilderungen.

Esposito zeigte anhand eines selbst produzierten Musikvideos mit dem Titel „Chilli Willi“ den ursprünglichen Gedanken der Hip Hop-Kultur: Peace, Love, Unity und Having Fun. Der Unity-Gedanke prägte auch die Auswahl eines passenden Beats von Claudio Esposito. Die Schülerinnen und Schüler durften aus verschiedenen Beats einen wählen, der sie musikalisch am meisten anspricht. Erst im Anschluss daran wurden Themenfelder, die zur Wirkung des Beats passen, eingegrenzt und allmählich die Geschichte zum Beat gefunden: Zwei Liebende, die nach einer guten gemeinsamen Zeit getrennte Wege gehen wollen. In Gruppen wurden jeweils der Refrain und die Strophen aufgeteilt, sodass jeder Einzelne einen Vierzeiler entwickeln musste. Zusammen mit Claudio Esposito lernten die Schülerinnen und Schüler, wie sie die Thematik geschickt in einheitlicher Form auf ́s Papier bringen. „Jeder Künstler schreibt seinen Part selbst“, lautete dabei Espositos Prämisse in Old School-Manier. Der Offenburger Rapper stellte ein eigenes Textbeispiel vor und rappte einige Passagen, sodass den Schülerinnen und Schülern die neuen Techniken schnell klar wurden, um selbst einen guten Flow zu entwickeln. Hat ein Künstler einen guten Flow, fließen seine Worte über den Rhythmus der Musik. Das heißt, dass sich der Vortrag, trotz der aufwändigen Bauweise der Texte, wie eine normale Äußerung im Gespräch anhören soll. „Beim Schreiben versuchen zu rappen“, ermunterte Esposito die Schüler, im Hintergrund der Beat. Esposito wandte sich sodann den Schülern individuell zu. Am Ende des zweistündigen Workshops hatte jeder Schüler seinen eigenen Text gerappt und durch die authentische Art Espositos Einblicke in die Hip Hop-Kultur bekommen. Dass sich das Oken-Gymnasium einen Gast wie den Rapper Claudio Esposito in den Unterricht holen darf, ist der Förderung „Kunst–Geschichte–Schule“ des Regierungspräsidiums Freiburg zu verdanken. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön dafür!

R. Tüttelmann