Schueler

02.04.2009:”Da kann man durchaus auch mal die Spur verlieren”

Offenburger Tageblatt, 02. April 2009

Oken-Theater-Ag überzeugt im Großstadtstück “Auf der Greifswalderstraße”

Leben in einer Großstadtstraße der Gegenwart: Alles ist Zufall, alle leben im Grunde isoliert, sprechen und empfinden aneinander vorbei. Oder hängt alles zusammen? Die Theater-AG des Oken-Gymnasiums brillierte in dem Stück: “Auf der Greifswalder Straße” des Dramatikers Roland Schimmelpfennig.

Von Bernd Grether

Offenburg. Die Theater-AG des Oken-Gymnasiums hatte den Mut, die 63 teilweise ganz kurzen, schlaglichtartigen Sznen von “Auf der Greifswalder Straße” auf die Schulbühne zu bringen. Und das lohnte sich fürwahr: Herausgekommen ist eine faszinierende Parabel über aufkeimende oder bereits gescheiterte Lebensentwürfe, mehr oder weniger dramatische Schicksale, über die Banalität des Alltags und fundamentale Verstörungen – kurz: über modernes Leben in all seinen Facetten.

Magischer Realismus

Im sehr anschaulichen Simultan-Bühnenbild von Richard Endres – typische Graffiti-verschmierte Haltestelle, Bar, Baustelle, Schlafraum, Laden – agieren die 18 Darsteller der Klassen 8 bis 12 so konzentriert, so intensiv, dass die Zuschauer gepackt sind vom magischen Realismus des Stücks. Eigentlich dürfte man niemanden herausheben, denn sie überzeugen restlos alle, die Punk-Girlies, die Verkäuferinnen, die Bauarbeiter, die osteuropäischen Kleinkriminellen, die Kneipenbesucher, die jungen Frauen, die U-Bahn-Fahrer, das Liebespaar. Sie sind einerseits Berliner Typen, andererseits aber in Mimik, Gestik und Sprechweise fein und individuell herausgearbeitet. Besonders profilieren können sich natürlich die Hauptfiguren. Dem Gemüsehändler Rudolf (M. Heidenreich) wird im Traum prophezeit, er solle sich “vor der Giraffe” (N. Siggelkow) hüten. Wie in der antiken Tragödie erstreckt sich die Handlung nun über einen Tag. Was tun, wenn man nur noch 24 Stunden zu leben hat? Rudolf verliebt sich in das lange Mädchen, aber seine Liebeserklärung stiftet nur Verwirrung. Herausragend auch der “Mann ohne Hund” (N. Stahlberger) und seine Frau (G. Heller), deren Szenen einen tiefgründigen Humor in die Geschichte bringen.

“(Helge) Schröder & (Johannes) Schröder”, die beiden Regisseure, haben mit diesem nicht leichten, aber fesselnden Stück modernstes Theater auf beachtlichem Niveau inszeniert. Es ist ein Großstadt-Panorama zum Mitdenken, wobei man durchaus “auch mal die Spur verlieren kann”, so Schulleiter Manfred Kopp, aber es hat poetische Kraft, es hat Humor und gedankliche Tiefe. Unser Leben ist rätselhaft, auch da, wo wir Zusammenhänge vermuten.

Am jubelnden Premiere-Abend stimmte einfach alles: das Tempo, die Kostüme (V. Lange-Jauch), die Maske, die Mimik, die Sprache, die Beleuchtung und die Technik.

Weitere Aufführungen heute und morgen, 20 Uhr, in der Aula des Oken-Gymnasiums.