Schueler
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Theater-AG

Seit mehr als 25 Jahren wird am Oken-Gymnasium alljährlich Theater gespielt, eine Tradition, die verpflichtet. Mit Bewunderung und auch ein bisschen Stolz blicken wir auf die vielen schönen und bewegenden Theaterabende zurück, die die Teilnehmer der AG in den vergangenen Jahren zahlreichen Zuschauern geboten haben.
Begabung, Spielfreunde, Teamgeist und Fleiß unserer Schüler haben diese AG zu einem Markenzeichen der Schule gemacht.

Die Teilnahme an der Theater AG ist für alle ernsthaft interessierten Schüler ab der 8. Klasse möglich.

2016: R. Schimmelpfennig: „Der goldene Drache“ (Regie: H. Schröder und B. Wilke)

Ein Abendessen im Restaurant, und man findet ein Haar in seiner Suppe: Eine Situation, die sich durchaus hin und wieder ereignen kann. Was aber, wenn man einen blutigen und kariösen Zahn in seiner bestellten Thai-Suppe findet? Der Zahn gehört einem illegal eingewanderten jungen Asiaten, der unter furchtbaren Zahnschmerzen leidet. Ein Arztbesuch kommt für ihn aber nicht in Frage, da er keine Papiere besitzt.

Zahn in der Suppe
Also greifen die Köche des asiatischen Schnellrestaurants in der kleinen Küche zwischen zischenden Gaskochern kurzerhand zu einer groben Rohrzange, um den schmerzenden Zahn zu ziehen. Der Zahn fliegt im hohen Bogen in einen heißen Wok, gelangt in eine bestellte Thai-Suppe und landet schließlich im Teller der Stewardess, die ein paar Stockwerke über dem Imbiss wohnt.

Im Mittelpunkt des Theaterstücks, das die Theater-AG des Okengymnasiums in der vergangenen Woche viermal aufgeführt hat, steht das asiatische Schnellrestaurant »Der goldene Drache«, nach dem das Stück auch benannt ist. In verschiedenen Szenen bekommt der Zuschauer einen Einblick in das Schicksal unterschiedlicher Menschen im und um den »Goldenen Drachen«.

Eines haben diese Menschen alle gemeinsam: Sie sind unzufrieden mit ihrem Leben und sehnen sich nach einer Veränderung. Man kann die dargestellte Szenenabfolge als »Nacht der gescheiterten Träume« bezeichnen. Die einzelnen Szenen werden kühl und nüchtern dargestellt und erscheinen gerade deshalb berührend grausam. Immer wieder wenden sich die jungen Schauspieler direkt ans Publikum, der Zuschauer wird so in Distanz zum Dargestellten gesetzt und dennoch zum Nachdenken angeregt.

Roland Schimmelpfennigs Stück ist als besondere Form des erzählenden Theaters inszeniert. Er ist zurzeit der meistgespielte Gegenwartsdramatiker Deutschlands. Allein diese Tatsache unterstreicht die Aktualität dieser Inszenierung der Theater-AG des Okengymnasiums. Sozial hochaktuelle Themen wie Globalisierung, Ausbeutung und illegale Einwanderung werden im Stück aufgegriffen. Keine leichte Aufgabe für die jungen Schauspieler, die das gesamte Ensemble aber mit Bravour meistert.

Unter der Leitung von Betty Wilke und Helge Schröder haben sie in zahlreichen, intensiven Proben an der Darstellung gearbeitet und können nun stolz sein auf ihre beeindruckende schauspielerische Leistung.

DIE DARSTELLER: Es spielten Roberta Bobita, Nicole Del, Ann-Jolie Franz, Felix Hilger, Jonas Joggerst, Ilir Kadrija, Lennart Kaiser, Sascha Konrad, Rosa Kössler, Pia Meier, Christina Repka, Celine Schullian und Jonas Seger.

2015: W. Shakespeare: „Wie es euch gefällt“ (Regie: H.Schröder und B. Wilke)

Wie es euch gefällt

Wie es euch gefällt

Theater muss zu Zeiten William Shakespeares und seines unterhaltsamen Stücks „Wie es euch gefällt“ bereits eine wunderbare Magie ausgestrahlt haben. Auch in der Aufführung des Oken-Gymnasiums wird man als Zuschauer in eine eigene Welt entführt und zwar die rund um Rosalind. Sie ist die Tochter einer verbannten Herzogin und verliebt sich auf den ersten Blick in Orlando, einen um sein rechtmäßiges Erbe betrogenen Sohn des Rowland de Boys. Sein bösartiger Bruder Oliver (Jonas Seger) plant Orlando durch eine Wettkampf-Intrige auszuschalten. Zu diesem Zweck präsentiert uns sein unterdrückter Diener Adam (Sascha Konrad) einen kräftigen Wrestler – so der Plan.
Damals wie heute hat das Schauspiel nichts von seiner Faszination verloren. Das Bühnenbild in der einfühlsamen Inszenierung von Helge Schröder, Betty Wilke und Gastregisseur Johannes Schröder ist bewusst sehr einfach gehalten. So fragt man sich vor Beginn der Aufführung noch verwundert, was denn die an Drahtseilen hängenden, langen weißen ‚Würste‘ darstellen sollen. Doch die verwandeln sich durch Verschieben und geschickten Einsatz der Beleuchtung im Kopf des Betrachters wie von Zauberhand in Säulen am Hofe oder gar einen ganzen Ardenner Wald.
In genau jenen wird Rosalind von ihrer Tante Fredericke, der neuen Machthaberin – ebenso wie einst ihre Mutter (Pia Meier) – verbannt. Frederickes Tochter Celia, die beste Freundin Rosalinds, folgt ihr dorthin. Auch hier dürfen wir einer echten Verwandlung beiwohnen, streifen doch fortan Celia als Aliena und Rosalind gar als junger Mann Ganymed durch ihr weiteres Abenteuer.
Zu jeder Minute wird der Zuschauer amüsiert vom Geschehen auf der Bühne gefangen genommen und ist innerlich einfach ‚dabei‘. Man vergisst regelrecht die reale Welt um die Bühne herum. Denn das junge Schauspielervolk der Theater-AG weiß sowohl in alt-englischem Gesang (Roberto Bobita als Edelfräulein) als natürlich auch durch sein Spiel bestens zu überzeugen. Beispielsweise im lustigen Kampfgegner Orlandos, Charles dem Zerstörer, mit einem von Luis Litterst herrlich gespielten russischen Akzent und seinem in bester Wrestling-Manier agierenden Kampf-Conferencier „Le Beau“ Felix Hilger. Auch die neue Machthaberin Fredericke (Emma Goldenfels) wirkt wunderbar herrisch, und Rosalinds Liebhaber Orlando wird herrlich verliebt-romantisch dargeboten von Ilir Kadrija.
Nahezu als zusammenfassenden Erzähler kann man den melancholischen Edelmann Jacques verstehen, der in dem mit feiner Ironie spielenden Jonas Joggerst viele Lacher auf seine Seite zieht. Humorvoll und gleichzeitig intelligent wird auch der Narr Touchstone von Christina Repka interpretiert, der eine Glanzparade hat, als er in frivolen Stegreif-Reimen auf Orlandos an Bäume geheftete Liebesgedichte antworten darf. Um die Angebetete gewinnen zu können, empfiehlt Rosalind in Verkleidung als Ganymed ihrem Orlando, dass er doch mit ihr/ihm über die Anrede „Rosalind“ eine gute Zeit lang das Buhlen üben solle – realistisch wirkende Küsse inbegriffen.
Wunderschön anzusehen ist ebenso das harmonische Zusammenspiel zwischen Rosalind (Sophie Bredow) und ihrer Freundin Celia (Claudia Cieslik), die vom mal fröhlich dargebotenen Rollen- und Geschlechterwechselplan bis hin zu ins Publikum hinein spürbarer Traurigkeit mitzureißen wissen. Auch die ‚Schäfertruppe‘ um Jona Harms, Kristian Köhler und Rosa Kössler agiert sich mit ihren sehnsuchtsvollen Liebes- und Verwirrspielen in die Herzen des Publikums. Die Ablehnung des Schäfers Silvius durch dessen Angebetete Phöbe gipfelt nach einer impulsiv dargebotenen Schimpftirade durch Ganymed darin, dass sich Phöbe nunmehr ebenfalls zu Ganymed hingezogen fühlt. Selbst Orlando droht sich beinahe mehr in Ganymed als in Rosalind zu verlieben. Daher muss Rosalind am Ende durch eine allen angekündigte „Zauberei“ und erworbene Versprechen die aus den Fugen geratene Situation wieder unter Kontrolle bringen.
So bot die Theater-AG des Oken-Gymnasiums in vier Aufführungen allen Zuschauern sehr gute Unterhaltung in bester Spiellaune. Teilweise waren die Rollen doppelt besetzt; in der Hauptrolle der Rosalind glänzte ebenso Katharina Gorcenkova und in der Rolle des Narren belustigte Lennart Kaiser das Publikum. Man fieberte bereitwillig mit den jungen Darstellern mit und erlebte viel Gefühl, bis in die Ränge hinein sprühende Leidenschaft und eben einfach Theater „wie es uns gefällt“.

 

 2014: Kerstin Specht: „Der Zoo“ (Regie: J. Schröder und H. Schröder)

Starkes zeitgenössisches Theater am Oken-Gymnasium (Foto: Schröder)

Starkes zeitgenössisches Theater am Oken-Gymnasium (Foto: Schröder)

OFFENBURG. Am Oken-Gymnasium hat man Mut zu zeitgenössischem Theater. Mit Mayenburgs „Turista“ brachte man vor zwei Jahren Düster-Abgründiges komödiantisch-unterhaltsam auf die Schultheaterbühne. In dieser Saison wird mit Kerstin Spechts „Der Zoo“ von 2009 wieder ein provokantes, vielschichtiges, fast surrealistisches Gegenwartsstück gegeben. Mut bewiesen nicht nur Regie (Schröder & Schröder) und die jungen Darsteller, auch das Premierenpublikum zeigte sich unerschrocken – und ließ sich im ersten Akt in einen Käfig sperren.

Das Publikum sitzt auf Drehstühlen in der Mitte des Raums, die 14 Schauspieler agieren rundherum an den vier Gittern des Geheges (Bühnenbild: Ursula Krimm, Betty Wilke). Wir sind im Zoo. Wir sehen – aus der Perspektive der Tiere – Menschen, wie sie Tiere betrachten und sich dabei über ihre Glücksvorstellungen verständigen. Verständigen? Na ja, sie reden mit sich selbst und aneinander vorbei. Derbe Jugendsprache und postmoderner Jargon. Ramponierte Typen allesamt: apathisch, selbstmitleidig, borniert, verunsichert. Enttäuschte Glückssucher wie die nach mehreren Schönheitsoperationen vereinsamte Exfrau eines Chirurgen (Katharina Gorcenkova) oder die blasierten Oberstufenschülerinnen (Kathrin Panitz, Emma Goldenfels), die sich von einem tätowierten Mann (mit voller körperlicher Präsenz: André Franz) Pillen zustecken lassen: „Liquid Extacy zum Frühstück“. Eine depressive, alleinerziehende Mutter mit Babykorb. Eine Blinde und ihr durchgeknallter Freund, der mit einer Pistolenattrappe einen Pinguin erschießt.

Max sperrt die Zoobesucher im Nashornhaus ein, das für Partys vermietet wird. Das Publikum schaut nun in den Käfig hinein (von wo es frech tönt: „die Affen sitzen jetzt auf den Bänken“). Dieser wird zu einer Art Dschungelcamp. Nachdem sich die Panik gelegt hat, sortieren die Menschen im Käfig sich und ihre Beziehungen neu, werden zeitweise zum Tier. Gesteuert von Trieben und Instinkten, die befriedigt werden wollen, überwinden sie Distanz und Entfremdung. Es entstehen neue Paarungen. Menschliche Nähe, Freundschaft, Liebe scheinen möglich – allerdings nur hier im Zoo. Die beiden Mädchen, die sich streichelnd die Strohhalme von der Kleidung absuchen, könnten auch sich gegenseitig lausende Schimpansen sein. Das brüchige Idyll kippt bald wieder um. Ob die skurill überzeichneten Figuren am Ende ihr Leben tatsächlich ändern, ist wenig wahrscheinlich, denn „draußen ist der Dschungel“. Dort haben die Raubtiere die Macht übernommen und eines ihrer ersten Opfer ist Max.

Die Autorin Kerstin Specht steht in der Tradition des kritischen Volksstücks, hat sich aber mit „Der Zoo“ teilweise wieder davon gelöst. Eine gewisse Sperrigkeit bleibt. Auch bei Brecht, Ödon von Horvath oder F.X. Kroetz geht es in unverblümter Sprache heftig zur Sache. „Der Zoo“ hat komödiantische Elemente („Ich gebe Ihnen keinen Kuss, Sie haben gekotzt.“ – „Das macht doch nichts“), gleitet aber nicht in Klamauk oder Peinlichkeit ab. Die jungen, mehrheitlich der Mittelstufe angehörenden Darsteller arbeiten das Verstörende, Irritierende, Widersprüchliche der Figuren und ihrer Sprache erstaunlich gut heraus. Das letzte Wort hat Asdin, ein Araber, gespielt von Ilir Kadrija. Er spricht in einer fremden Sprache, die niemand versteht (es ist Albanisch). Die Worte hören sich poetisch an und wecken die Sehnsucht nach etwas, das dieser Gesellschaft, dieser Welt vor und hinter den Stäben, so gänzlich fremd ist: Dichtung.

(aus der Badischen Zeitung vom 31.Mai 2014)

 

2013: Th. Wilder: „Unsere kleine Stadt“ (Regie: J.Schröder und H. Schröder)

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OFFENBURG. Die Theater-AG des Oken-Gymnasiums präsentiert Thornton Wilders „Unsere kleine Stadt“, beherzt gekürzt und multimedial inszeniert, einem begeisterten Premierenpublikum.

Von Grover’s Corners, der verschlafenen Kleinstadt an der US-Ostküste trennen uns 6000 Kilometer und ein ganzes Jahrhundert. Der Moderator und Spielleiter lässt keinen Zweifel aufkommen, dass die Geschichte, die er erzählt und lenkt, uns ganz fern ist. Und doch geht sie uns nah. Je weiter das Stück voranschreitet, umso stärker wird die Wirkung. Große Gefühle ja, aber kein Kitsch. Immer wieder wird die gerade aufgebaute Illusion durchbrochen, Distanzierung ermöglicht. Besonders hintersinnig ist, dass man sich dabei gerade des Mediums Film bedient.

Der erste Akt: Alltag in der Provinz, heile Welt, ereignislos. „Der Tag läuft ab wie eine müde Uhr“. Erwachen im zweiten Akt: Zwei junge Menschen entdecken ihre Liebe füreinander und feiern Hochzeit – im Einklang mit Tradition und Konvention. Überraschung und radikaler Wechsel von höchstem Glück zu tiefster Trauer im dritten Akt: Jahre später schauen die Toten vom Friedhofshügel herab auf die Lebenden. Sie nehmen die ehemalige Braut, bei der Geburt ihres zweiten Kindes gestorben, in ihre Reihen auf. Die Tote darf für einen Tag zu den Lebenden zurückkehren und macht die bittere Erfahrung, dass ein Zurück sinnlos ist. Die Lebenden sind unwissend – sie kennen ihr Schicksal nicht. Das unterscheidet sie von den Toten, die als bleiche Gestalten mit Grablichtern in der Hand stumm auf das warten, was kommen wird.
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Die unspektakuläre Handlung könnte schnell langweilig werden, die Jenseitsgewissheit peinlich, die Moral banal. Doch die Inszenierung sorgt gekonnt dafür, dass es ganz anders kommt. Die jungen Darsteller, die vom Zeitungsjungen über den Milchmann bis zum hollywood-reif gespielten Liebespaar ihre Rollen wandlungsfähig und überzeugend ausfüllen, tragen wesentlich dazu bei, dass die Banalität des Alltags unterhaltsam wird. Stellvertretend für alle: Marine Soler als alkoholisiert-überdrehte Chorleiterin, Kathrin Panitz und Yasmis Schmidt als typische Hausfrauen; Philipp Rößler und André Franz als brave Väter; Milo Skupin-Alfa als schlaksig-cooler Basketballer, schüchterner Verliebter und Bräutigam mit vorübergehender Angst vor der eigenen Courage; Kim Eckert, als verliebter Teenager, junge Braut und desillusionierte Gestorbene. Ganz hervorragend besetzt ist die Rolle des Erzählers mit Mark Gert. Er spricht keinen Text, er gestaltet ihn mit seiner Bühnenpräsenz und einem feinen, differenzierten Spiel. Wilders Überzeugung: „Jeder von uns weiß, dass es etwas Ewiges gibt“, wirkt aus seinem Mund unmittelbar einleuchtend, genauso wie er durch einen pfiffigen Nachsatz die banale Moral des Stücks zu ironisieren weiß: „Man muss das Leben lieben, um es zu leben, und man muss das Leben leben, um es zu lieben. Sowas nennt man Teufelskreis“.

Ebenso wichtige Elemente dieser Inszenierung sind der Video-Einsatz und das Bühnenbild von Richard Endres: ein kreuzförmiger Laufsteg mit zwei gegenüberliegenden Kastenaufbauten, den Häusern der Durchschnittsfamilien Gibbs und Webb. Den Akteuren gibt dieser Bühnenraum viel Freiheit – dadurch kommt Dynamik ins Spiel (schwungvoll: die Cheerleader!). Und er lässt das Publikum nah an die Darsteller heranrücken. Das ermöglicht, zusammen mit der mitten über dem Steg aufgehängten Videoleinwand, das Spiel mit Nähe und Distanz. Crover’s Corner ist nicht Offenburg. Aber was dort geschieht, geht uns alle an – weil und insofern es ein Spiel ist.

(aus der Badischen Zeitung vom 24. April 2013)

2012: „Turista“ (Regie: J. Schröder und H. Schröder)

ag_theater_turistabildOFFENBURG. Offenburg hat keinen Campingplatz. Zum Glück, möchte man meinen, wenn man „Turista“ von Marius von Mayenburg auf der neuen Bühne des Oken-Gymnasiums gesehen hat. Gezeigt werden Familien am Abgrund. Körperliche, seelische, emotionale Wracks. Doch wo ein Georg Büchner noch schauderte („Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einen, wenn man hinabblickt“), hat man bei von Mayenburg (Jahrgang 1972) den Eindruck, dem Autor gehe es in diesem 2005 entstandenen Drama nur um die Verhöhnung seiner Figuren, die zunehmend ihre menschliche Würde einbüßen.

Nicht so in der Inszenierung des bewährten Regie-Duos Schröder & Schröder. Die jugendlichen Darsteller im Alter von 11 bis 19 Jahren spielen präzise, hochkonzentriert und mit so viel Leidenschaft, dass man die skurril-überzeichneten, allesamt kranken Typen nach drei Stunden Spieldauer fast schon liebgewonnen hat. Doch diese Camper sind dem Untergang geweiht und haben ihn verdient. Am – leider leicht voraussehbaren – Ende wird das Todesmotiv aus „Romeo und Julia“ überraschend auf den Kopf gestellt.

Gleich zu Beginn stirbt ein elfjähriger Junge auf offener Bühne. Aus dem Fluss gezogen röchelt er seine letzten Worte. Betroffenheit, Schmerz, Trauer. Wer ist schuld? Jeder, auf seine Weise. Deshalb muss Oli in dieser Ferienwoche insgesamt sechsmal sterben. Die Hölle, so scheint das Stück Sartre abzuwandeln, das sind nicht die anderen, sondern alle. Ihr Prinzip ist die Wiederholung. Die geringfügige Abwandlung des Immergleichen, die Vorabendserie, die Reality-Talkshow. Familien- und Nachbarschaftsstreitereien, Impotenz und sexueller Missbrauch, Flaschenbier, Gewalt und rohe, obszöne Sprache. „Der liebe Gott wird uns schon helfen“, sagt einer der Irren, die mit ihrem Betreuer das Märchenspiel „Hänsel und Gretel“ proben und (als Spiel im Spiel) zur Aufführung bringen. Doch daran glaubt in einer Welt des Wahnsinns nur ein Debiler. Es gibt kein Entkommen.

Anrührende, beklemmende Szenen wechseln ab mit befreiender Komik aber auch plumpem Klamauk. Ordinärste Sexualmetaphorik, viel Blut und Gewehrknallerei, ein schwül-dumpfe Grundstimmung. Die Textvorlage will es so, die Inszenierung versucht das Beste daraus zu machen.Und es gelingt, auch dank eines ansprechenden Bühnenbildes (Richard Endres und Florian Amend), farbenfroher Kostüme und ironischer Ausstattungsdetails. Im Wortsinne köstlich die als „Running Gag“ eingesetzte Sprühsahne – genussvoll vom Finger oder der Grillwurst geschleckt.

Die Aufführung eines zeitgenössischen Stücks durch eine schulische Theater AG ist ein mutiges Experiment. Es hat sich, was die Präsentation theatralischer Möglichkeiten und Entfaltung schauspielerischen Talents angeht, in jeder Hinsicht gelohnt. Auch die Möglichkeit, bereits Fünft- und Sechstklässler auftreten zu lassen, wird mit beeindruckendem Ergebnis genutzt. In diesem Erwachsenenstück spielen Kinder, zum Beispiel als Opfer sexuellen Missbrauchs, eine wichtige Rolle.

Das Stück selbst bleibt problematisch und wird bei vielen Zuschauern, welche die schauspielerische Leistung, Bühnenbild und Ausstattung mit großem Beifall gewürdigt haben, zwiespältige Gefühle ausgelöst haben. Irritationen hervorzurufen ist auch eine Aufgabe der Kunst.

Offenburg mag ein Campingplatz fehlen, die Stadt hat aber eine sehr lebendige, vielfältige und experimentierfreudige Schultheater-Szene.

(Badische Zeitung, 30. Juni 2012)

 

2011: „Der Frauenflüsterer“(Regie: J. Schröder und H. Schröder)

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OFFENBURG. Das letzte Wort hat die Putzfrau. Das Stück (im Stück) ist vorbei, der Vorhang geschlossen. Der Säufer Sly (Mike Heidenreich) torkelt über die Bühne (Bühnenbild: Richard Endres, Florian Amend) und zitiert besoffen-begeistert aus dem liegengebliebenen Textbuch der turbulenten Komödie, die eine herumreisende Schauspieltruppe gerade gespielt hatte und in der es um die Zurichtung einer Frau für den Ehestand ging: Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“. Als Sly die Putzfrau (Kathrin Panitz) begrabschen will, fegt diese ihn resolut von der Bühne. Sie liest ebenfalls im Textbuch und kommentiert entrüstet die Sätze aus dem letzten Akt: „Der Shakespeare – das is‘ doch ’n Macho!“

Mit dieser Schlusspointe wird die „Gehorsamkeitsrede Katharinas‘ und die darin zum Ausdruck gebrachte unbedingte Unterwerfung der Frau unter den Mann zurechtgerückt. Denn die Haupthandlung, das „Zähmungsexperiment“ Petrucios, mit dem er ein aufbrausendes, verwöhntes, rücksichtloses Mädchen reif für die Ehe machen will, läuft auf mehr als die Dressur einer Kratzbürste hinaus. Am Ende steht ein Paar, das sich wirklich liebt und – innerhalb der Grenzen, die die gesellschaftlichen Konventionen stecken – ein glückliches Leben führen kann. Petrucio (Sebastian Müller) und Katharina (Nina Neumann) haben am Ende nicht nur ein (vom Frauenflüsterer Petrucio aufgestelltes) Erziehungsprogramm erfolgreich durchlaufen, sie haben sich auch positiv weiterentwickelt.

Anders bei den Paaren der Nebenhandlung: Für Bianca (Katharina Waldhecker) und Lucentio (Florian Amend), Hortensio (Marius Rinkel) und die Witwe (Isabella Artschakow) wird die Ehe zur Hölle, zum „Geschlechterkampf“. Oder ist alles doch nur Schein?

Dass man am Oken eine Verwechslungskomödie um Sein und Schein spritzig spielen kann, haben kürzlich erst die Abiturienten bei Oscar Wildes „Ernst sein ist alles“ bewiesen. Nun zeigen die Jüngeren ihr schauspielerisches Können und komödiantisches Talent. Reibungslos funktionieren bei der Premiere die Abläufe mit fast 30 Akteuren. Verliebte Blicke werden ausgetauscht. Die Dialoge sitzen – und übrigens auch die Ohrfeige, die Katharina Petrucio verpasst! Besonderen Spaß macht den Darstellern das Spiel im Spiel.

Was sonst hinter der Bühne im Verborgenen geschieht, wird offenbar, die Illusion als Illusion erkennbar. Shakespeare lebte in einer patriarchalischen Gesellschaft, in der die Frau wirtschaftlich vollständig abhängig vom Mann war. Diese Zeiten sind vorbei, das weiß jede Putzfrau. Die Frage jedoch, was Liebe ist und ob und wie Liebe in einem auf Dauer angelegten Zusammenleben zweier Menschen möglich ist, stellt sich jeder Generation neu.

(Badische Zeitung 02.07.2011)

 

2011: Oscar Wilde: „Ernst sein ist alles“ (Regie: J. Schröder und H. Schröder)

OFFENBURG (BZ): Ein guter Schauspieler lügt dem Publikum die Wahrheit vor. Denn er tut so, als sei er jemand anderes. Besonders reizvoll wird es, wenn die Figur im Spiel sich selbst etwas vormacht, ihre Selbstlüge oder Selbsttäuschung (anderen) offenbar wird. So funktioniert eine Komödie.

Oscar Wilde hat 1895 dieses Muster in seiner gesellschaftskritisch-absurden Salonkomödie „The Importance of Being Earnest“ parodiert. Im Deutschen kann das Wortspiel des Titels nur unzureichend wiedergegeben werden. „Earnest“ bedeutet „aufrichtig“ und ist in der Schreibweise „Ernest“ zugleich ein männlicher Vorname (Ernst). Mit ihrer Interpretation von „Ernst sein ist alles“ legte die Theater-AG am Oken-GymnaEsium am vergangenen Montag so etwas wie ihre „Reifeprüfung“ ab – sehr zur Freude des zahlreichen Premierenpublikums.

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Der Laptop als Requisite bei der Aufführung eines Stückes von Oscar Wilde – kein Problem Foto: Reinhard End

Sechs der acht Darsteller gehören dem Abiturjahrgang an und verabschieden sich bald von der Schule in „den Ernst des Lebens“. Das Ensemble zeigte eine geschlossene Teamleistung, zu der auch Bühnenbild und Technik ihren Teil beitrugen. Die Truppe um das Regie-Team (Helge) Schröder & (Johannes) Schröder stellte noch einmal ihr Können und ihre Spielfreude unter Beweis. So flott, frisch und in jeder Hinsicht unterhaltsam kann man heute diesen Lustspielklassiker auf die (Schul-)Bühne bringen.

Positiv überraschen Bühnenbild und Ausstattung (Richard Endres, Florian Amend): kein viktorianischer Salon, sondern modernes Penthouse-Interieur der Lifestyle- und Fit-for-Fun-Generation mit Stepper und – ironische Brechung – einem Spiralfeder-Schaukelpferdchen. Ein geniales Ausstattungsdetail auch die Carrera-Bahn, auf der kleine Autos ihre Loopings drehen und gelegentlich aus der Bahn geworfen werden wie die spritzigen Aphorismen und boshaften Aperçus der Dialoge. Die Kostüme: zeitgenössischer Schnitt, kurze Röcke, legere Anzüge, weiße Bademäntel. Oscar Wilde behutsam modernisiert: Der Dandy trifft seine Verabredungen über Facebook (via Beamer auf die Bühne projiziert), das 18-jährige Mädchen führt sein Liebestagebuch als Blog. Alles in sich stimmig, leicht ironisiert, aber nicht überdreht.

Das ist auch gut so. Denn die Handlung, eine verwickelte Verwechslungsgeschichte mit viel Situationskomik, ist schon überdreht genug. Zwei englische Snobs, Algernon (souverän-lässig gespielt von Mike Heidenreich) und John (Mathias Walter als „ernsthafteste Person“ absolut überzeugend), lügen ihrer Umgebung etwas vor, um für ihr ausschweifendes Doppelleben ein gesellschaftlich akzeptiertes Alibi zu haben.[…] Ein schöner Regieeinfall ist das getanzte Finale (Choreographie: Tanja Röderer) zu Musik aus „Dirty Dancing“. Dieses Stück ist ein großer Spaß, diese Inszenierung macht großen Spaß!

(Badische Zeitung, 7. 4.2011)

2010: Ödön von Horvath: „Der Jüngste Tag“ (Regie: J. Schröder und H. Schröder)

OFFENBURG (BZ). Mit einem höchst anspruchsvollen Stück des neben Brecht und Zuckmayer bedeutendsten Autors der Weimarer Republik, Ödön von Horvath, hat die Theater-AG des Oken-Gymnasiums bereits die zweite Premiere in diesem Schuljahr präsentiert – eine in jeder Hinsicht erstaunliche Leistung der 22 Schauspieler und 17 technischen und sonstigen Helfer um die Regisseure Helge Schröder und Johannes Schröder.

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Theater läuft an einer Schule ja sozusagen nebenher, erfordert aber immense Lern- und Probenbereitschaft, um niveauvolle Aufführungen zu gestalten. Dies gelang am „Oken“ einmal mehr, obwohl das Drama um den Bahnbeamten Thomas Hudetz (Niklas Stahlberger) an die Grenzen dessen geht, was jugendliche Laien der Klassen 7 bis 12 leisten können. […]

 

Schröder & Schröder sind spannende, dichte Szenen gelungen, mit einem raffinierten Bühnenbild (Endres,Heller): Die Bühne verläuft quer durch die ganze Aula, unter einem aus Seilen geknüpften „Viadukt“ hindurch, und bietet so viele Möglichkeiten, die typisch Horvath’schen Dialoge in Bewegung umzusetzen. Das auf beiden Seiten der Bühne platzierte Publikum hat so immer wieder neue Perspektiven. Eine packende Inszenierung mit vielen Anregungen zum Nachdenken.

 

 

Frühere Aufführungen

Regie führten hierbei

ab 2017: Betty Wilke und Thorsten Marquardt

2015-2016: Betty Wilke und Helge Schröder

2007-2014: Johannes Schröder und Helge Schröder

2005-2007: Andrea Lincke-Höhlein, Johannes Schröder

2002-2004: Götz Maier, Andrea Lincke-Höhlein

1982-2001: Bernd Grether (OS) und (bis 1995) Brigitte Hellwig (OS)

1985-2000: Werner Hellwig (US/MS)

 

Schuljahr Autor Titel Stufe
2009 U. Widmer Top Dogs MS
2009 R. Schimmelpfennig Auf der Greifswalder Straße OS
2008 A. Christie Die Mausefalle OS
2007 E. Kästner Verwandte sind auch Menschen OS
2006/2007 Dürrenmatt Besuch der alten Dame MS
2005/2006 W. Shakespeare Ein Sommernachtstraum MS
2004/2005 David Compton Die Mauer MS
2003/2004 Arthur Miller (Hexenjagd) Hexenwahn in Salem MS/OS
2002/2003 Brecht/Weill Die Dreigroschenoper MS/OS
2001/2002 Thornton Wilder Wir sind nocheinmal davongekommen MS/OS
2000/2001 Flügler/Grether Lorenz Oken – Bilderbogen aus seinem Leben MS/OS
1999/2000 John Millington Synge Der Held aus dem Westen OS
1999/2000 Werner Hellwig/Sven Hasselberg Wahn-Sinn! Die andere Comedy-Show MS
1998/1999 Johann Nestroy Eulenspiegel oder Schabernack über Schabernack OS
1998/1999 Werner Hellwig Blinde Passagiere MS
1997/1998 Werner Hellwig Hans im Glück & Paul im Geschäft MS
1996/1997 Coline Serreau Hase, Hase MS
1995/1996 Moliére Der Bürger als Edelmann OS
1995/1996 Werner Hellwig Familienbande MS
1994/1995 Bertolt Brecht Furcht und Elend des Dritten Reichs OS
1994/1995 David Campton/Werner Hellwig Die Mauer/ Der Turm MS
1993/1994 Ödön von Horvath Der jüngste Tag MS/OS
1992/1993 Bertolt Brecht Turandot oder Der König der Weißwäscher OS
1992/1993 Werner Hellwig Wir pfeifen auf den Gurkenkönig nach Christine Nöstlinger MS
1991/1992 Grether / B. Hellwig / W. Hellwig / Schlehuber Schöne neue Welt nach Aldous Huxley MS/OS
1990/1991 Friedrich Dürrenmatt Romulus der Große OS
1990/1991 Werner Hellwig / Elke Schlehuber Traumhaft MS
1989/1990 Jura Soyfer Astoria OS
1989/1990 Werner Hellwig Der zweite Pfeil MS
1988/1989 Witold Gombrowicz Yvonne, die Burgunderprinzessin OS
1988/1989 Werner Hellwig/ Elke Schlehuber Gerechtigkeit MS
1987/1988 Christian Dietrich Grabbe Scherz, Satire Ironie und tiefere Bedeutung OS
1987/1988 N.N. Der Wunderhund MS
1987/1988 F.K. Wächte Der Teufel mit den drei goldenen Haaren MS
1986/1987 Max Frisch Die chinesische Mauer OS
1986/1987 Werner Hellwig Die Zeit MS
1985/1986 William Shakespeare Ein Sommernachtstraum OS
1985/1986 Lothar Krauth Nur eine Handvoll Tausender MS
1984/1985 Goethe, Dürrenmatt, Aristophanes Frauen (sind nicht) von gestern OS
1983/1984 Helmut Heinemann Schreie in der Nacht OS
1982/1983 Bertolt Brecht Was kostet das Eisen OS