Schueler

Spannende Geschichtsstunde

DDR-Zeitzeuge Mario Röllig zu Gast am Oken

Offenburg. Mit einem fesselnden Vortrag über Leben und Leiden in der ehemaligen DDR wusste kürzlich DDR-Zeitzeuge Mario Röllig die J1-Kursstufenschüler des Oken-Gymnasiums auf eine Reise in die fast schon vergessene deutsch-deutsche Vergangenheit der 70-er und 80-er Jahre mitzunehmen. Röllig stellte bei der Schilderung seines persönlichen Schicksals ein Regime an den Pranger, das mit politischer Willkür, Rechtlosigkeit und Unfreiheit seinen Bürger lediglich ein erbärmliches Leben voller Angst und ohne Perspektive zu bieten hatte. In der Mensa des Schulzentrums Nordwest folgten knapp 80 Schüler andächtig und tiefbeeindruckt den Worten des Referenten. Dank der technischen Unterstützung von Heinz Reiner war ein reibungsloser Ablauf der Veranstaltung garantiert.
Rölligs Geschichte liest sich wie ein Krimi: Geboren und aufgewachsen in Osterberlin geriet der heute 47-jährige mit 17 Jahren ins Fadenkreuz des Ministeriums für Staatssicherheit. Obwohl von seinen Peinigern massiv unter Druck gesetzt lehnte er es damals ab, als inoffizieller Mitarbeiter einen westdeutschen Politiker auszuspionieren. Um Repressalien für sich und seinen Angehörigen zu entgehen, versuchte er über Ungarn nach Jugoslawien in die Freiheit zu entkommen, wurde jedoch verhaftet und an die Stasi ausgeliefert. Im Stasi-Untersuchungsgefängnis Berlin – Hohenschönhausen musste er ein dreimonatiges Martyrium über sich ergehen lassen. Nach einem Protestbrief an Erich Honecker wurde er schließlich für 90000 Mark von der BRD freigekauft und ausgebürgert. Erst 1997 erfuhr Röllig aus seinen Stasi-Akten, wo er zehn Jahre zuvor inhaftiert war. Nach einer Wiederbegegnung mit einem seiner ehemaligen Vernehmer aus Hohenschönhausen kehrte das Trauma der Inhaftierung zurück.

Die eineinhalbstündige Geschichtsstunde mit Mario Röllig dürfte bei den meisten einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. So mancher hat sich mit Sicherheit darüber aufgeregt, dass die Täter von Damals weder Reue zeigten noch für ihre Verbrechen jemals zur Rechenschaft gezogen wurden – ja schlimmer noch – gar versuchten, ihre Opfern weiterhin massiv zu bedrohen oder gar zu verleumden. Am Ende der Veranstaltung jedenfalls dürfte allen Beteiligten klar geworden sein, dass das DDR-Regime zwar untergegangen, die Wunden aus dieser Zeit aber noch lange nicht verheilt sind. Deshalb kämpft Marion Röllig heute in der Vereinigung der Opfer des Stalinismus in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen mit viel Engagement und Ausdauer – nicht zuletzt aus selbsttherapeutischen Gründen – für eine längst überfällige Rehabilitierung von Opfern, eine verdiente Bestrafung von Tätern sowie eine gründliche Aufarbeitung eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte.

Geschichtsstunde

Norbert Wickert