Schueler

Oken und Goethe – Wie Katz und Maus

Einblick in ein schwieriges Verhältnis

(Aus dem Offenburger Tagblatt über eine Veranstaltung mit Manfred Zittel, pensionierter Oken-Lehrer)

Offenburg. »Der ganze Mensch ist nur ein Wirbelbein.« Dieser provozierende erste Satz aus Lorenz Okens Antrittsvorlesung 1807 in Jena liefert wohl den Schlüssel für das Verhältnis des Bohlsbacher Mediziners und Naturphilosophen zum damaligen Weimarer Superminister, Dichter und Amateurwissenschaftler Goethe. Denn Oken hatte, ohne von Goethe zu wissen, wenige Wochen vor diesem die damals sensationelle Wirbeltheorie veröffentlicht, nach der sämtliche Schädelknochen des Menschen aus verwandelten Wirbelknochen entstanden.

Goethes Enttäuschung, eine schon 17 Jahre zuvor von ihm gemachte Entdeckung‘ von einem jungen Professor »präoccupiert« zu sehen, muss groß gewesen sein. Von Groll und Hass ist im Tagebuch die Rede; doch es kommt, unverständlicherweise, nie zu einer offenen Aussprache. Goethe schweigt.

Manfred Zittel fand weitere Erklärungen: In dem Frankfurter Bürgersohn und Weimarer Geheimrat und dem aus kleinbäuerlichen Verhältnissen in Bohlsbach stammenden Oken traten sich zwei sozial und wesensmäßig sehr unterschiedliche Persönlichkeiten gegenüber. Zwar hatte sich Dr. Oken schon in Freiburg in »höheren Gesellschaftskreisen« bewegt, aber er war von einer radikalliberalen Einstellung geprägt. Diese zeigte sich besonders deutlich, als Oken vor der Wahl stand, seine Professur oder seine Zeitschrift »Isis« aufzugeben. Oken buckelte vor niemandem, verzichtete lieber auf die materielle Sicherheit des Honorarprofessors und bewahrte sich seine Freiheit des Denkens und Handelns.

Goethe hingegen war konservativ, allem Revolutionären abgeneigt. Als Exzellenz in Weimar umgab er sich mit konzilianten Jasagern. Der wohl ziemlich schroffe, in seinen Augen »unartige« Bohlsbacher passte da nicht hin. Nur kurze Zeit (1808/09),gelang eine Annäherung — in der gemeinsamen Polemik gegen Newtons Optik.

Unterschiedliche Vorstellungen hatten laut Zittel beide auch als Naturforscher. Goethe suchte in allem die zugrunde liegende Idee, Oken war exakter Naturwissenschaftler und romantischer Naturphilosoph zugleich. Vielleicht spielte auch Okens Kleinwüchsigkeit gegenüber Goethes Körpergröße eine unterbewusste Rolle.

Zittels Essay liegen die neuesten Materialien zugrunde. Er will, trotz aller Verehrung, nichts beschönigen am teilweise recht unrühmlichen Verhalten der (offen oder verdeckt) rachsüchtigen Kontrahenten. So entsteht ein höchst informatives Bild der Begegnung zweier starker Persönlichkeiten vor dem Hintergrund jener Epoche, deren geistige Oberzentren Weimar und Jena waren.

B. GRETHER