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Der Naturwissenschaftler und Hochschullehrer

(Von OStD Jürgen Blum. Jürgen Blum unterrichtete Chemie und Biologie am Oken-Gymnasium und war von 1998-2005 Direktor am Einstein-Gymnasium in Kehl.)

Die Männer und Frauen, welche die Basis unseres Wissens schaffen und verbreitern, versinken meist schon bald in der Anonymität. So haben Umfragen in unserer Schule und in der Stadt gezeigt, dass Lorenz Oken hier keine Ausnahme macht. ‚Gründer des Oken-Gymnasiums‘, ‚der erste Direktor dieser Schule‘, so oder ähnlich lauteten die Antworten. Selbst die meisten Biologiestudenten kennen heute weder seinen Namen, noch seine Bedeutung.

Will man das Verdienst Okens um die Naturwissenschaften, speziell die Zoologie verstehen und würdigen, dann geht dies nicht, ohne die Situation der verschiedenen Disziplinen zu jener Zeit näher zu kennen.

Lassen Sie uns gemeinsam — wenn auch nur im Geiste — eine Zeitreise machen, zurück ins 18. und 19. Jahrhundert und dort mit dem Zeitfahrstuhl ein wenig auf- und abfahren.

Es ist eine Periode großer Umwälzungen — nicht nur politisch. Bisher dogmatisch verkündete Lehren wie Präformationstheorie, Vitalismus werden angezweifelt, widerlegt. Auch die Sonderstellung des Menschen außerhalb des Organismenreiches wird immer stärker in Frage gestellt. Zu groß ist die Fülle der Indizien, die dafür sprechen, dass der Mensch biologisch in das Tierreich einzuordnen ist.

Ein Jahr vor Okens Geburt schließt der Schwede Karl von Linné für immer die Augen. Er gilt als einer der Begründer der biologischen Wissenschaften. 1735 erscheint sein Systema naturae er beschreibt darin eine Fülle von Pflanzen und Tieren, gibt jeder Art einen Gattungs- und Artnamen, ist Somit Schöpfer der noch heute verwendeten binären Nomenklatur. Linné ordnet Pflanzen- und Tierreich und führt Bestimmungsschlüssel für Pflanzen nach sexuellen Merkmalen ein. Er hält die Arten für unveränderlich, Fossilien interessieren ihn nicht, die Menschenaffen hält er für zurückgebliebene Menschen, den Menschen selbst stellt er an die Spitze des Tierreichs.

Sein Widersacher in Frankreich, der ebenso eitle wie geniale Graf Buffon, hält die Arten nicht für unveränderlich, er ist der Begründer der paläontologischen Wissenschaft. Buffon und seine Schüler beherrschen für 4 Generationen von 1750 bis 1860 die Biologie — nicht nur in Frankreich. Buffon ist der erste Naturwissenschaftler, der es wagt, biblische Chronologie zu sprengen. In seinem Heimatland wird durch ihn die Biologie zur Mode. In gebildeten Kreisen wird es üblich, sich abends zu naturwissenschaftlichen Zirkeln zu treffen. Ein allgemeiner Aufschwung ist die Folge.

Die Chemie ist um die Jahrhundertwende schon eine exakte Wissenschaft, auf breiter Front wird quantitativ gearbeitet. Einer der großen Chemiker ist der Schwede Berzelius. Er ist im gleichen Jahr geboren wie Lorenz Oken, also 1779, er ist noch Vitalist. Seine Aussage: „Es wird uns Chemikern niemals gelingen, aus anorganischer Materie organische zu synthetisieren, wie Zucker oder Harnstoff, denn dazu ist eine besondere Kraft notwendig, die Lebenskraft und diese ist in allen Lebewesen am Wirken, nicht jedoch im Reagenzglas.“ Sein berühmter Schüler Friedrich Wöhler überzeugt ihn schrittweise vom Gegenteil. Als Oken in München Physiologie lehrt, 1828, stellt Wöhler Harnstoff aus anorganischem Material her und schreibt ehrerbietig an seinen Lehrer Berzelius: „Ich muß Ihnen mitteilen, dass es mir gelungen ist, Harnstoff herzustellen, ohne dazu ein Tier, eine Niere oder Urin zu benützen“.

Eine Probe legt er gleich bei. Dies ist der Durchbruch, die wichtigste Bastion der Vitalisten ist gefallen.

Unter Buffons berühmten Schülern Lamarck, St. Hilaire und Cuvier ist es besonders Cuvier, der Zoologie, Geologie und Paläontologie in den Rang exakter wissenschaftlicher Disziplinen erhebt. Er entwickelt die Grundlage für eine brauchbare Chronologie der Erdzeitalter und ihrer Lebewesen, fördert die vergleichende Anatomie und unter seiner Anleitung verwandeln sich die bisherigen Raritäten- und Kuriositätenkabinette des Landes in wissenschaftliche Sammlungen und seriöse Forschungsstätten. Seine Schwäche ist das Dogma: „Fossile Menschen gibt es nicht“. Also auch hier noch der Versuch, dem Menschen die Sonderstellung zu bewahren. Cuvier ist 10 Jahre jünger als Oken, wird sehr früh berühmt. Beide lernen sich kennen, als Oken drei Jahre nach seiner Entlassung in Jena einer Einladung des großen Franzosen nach Paris folgt und dort, in den von Cuvier geleiteten Pflanzengärten, Studien betreibt.

In Deutschland ist es um die Zoologie zur Jahrhundertwende nicht gut bestellt, sie ist angesiedelt in den medizinischen Fakultäten und durch die Kleinstaaterei können für dieses Anhängsel kaum irgendwo nennenswerte Mittel aufgebracht werden.

 


 

Lorenz Oken – der Naturphilosoph

Die Zoologie verdankt ihren Aufschwung in Deutschland den Naturphilosophen, allen voran Lorenz Oken. Dies scheint ein Widerspruch zu sein, da die Naturphilosophen mit dem Hauptvertreter Schelling die Empirie verabscheuen. Nicht aus dem Experiment, nicht aus der Naturbeobachtung will man Schlüsse ziehen, Schelling maßt sich an, die natürliche Welt aus der geistigen ableiten zu können. Zuerst wird ein Gedankengebäude errichtet, die Naturbeobachtungen haben dem zu entsprechen. Das hohe Ziel, die Ergründung der göttlichen Ideen, nach denen die Welt der Erscheinungen geordnet ist, will man mit Phantasie und Deduktion mühelos erreichen. Solches Dogma erzeugt an den Universitäten einen wahren Massenwahn. Aber es fehlt nicht an warnenden Stimmen, so klagt Rudolphi 1812: “ … Jünglinge, die Ihr dieses leset, vom Glauben kommt Ihr nie gleich zur Wahrheit, nur die Zweifel führen Euch dahin!“

Aber vergeblich, selbst Justus von Liebig, später unser größter Chemiker, ist 1821/22 als Student in Erlangen der Gewalt von Schellings Beredsamkeit erlegen: „Ich brachte einen Teil meiner Studienzeit auf einer Universität zu, wo der größte Philosoph und Metaphysiker des Jahrhunderts die studierende Jugend zur Bewunderung und Nachahmung hinriss. Wer konnte sich damals vor Ansteckung sichern? Auch ich habe diese an Worten und Ideen so reiche, an wahrem Wissen und gediegenen Studien so arme Periode durchlebt, sie hat mich um zwei Jahre meines Lebens gebracht, ich kann den Schreck und das Entsetzen nicht schildern, als ich aus diesem Taumel zu Bewusstsein erwachte.“

Kein Wunder, dass viele Zoologen zeitlebens der Naturphilosophie verhaftet bleiben, besonders nachdem Schelling in Lorenz Oken seinen naturwissenschaftlichen Partner gefunden hat. Nach Liebig ist Oken — ich zitiere: “ … auch einer von jenen Schwindlern, die den ersten Grundsatz der Naturforschung und Philosophie nur das Beweisbare und Bewiesene für wahr gelten zu lassen, auf die gewissenloseste Art verletzen.“

Hier tut Liebig Oken sicher Unrecht, denn unter den Naturphilosphen ist Oken gerade derjenige, der im Gegensatz zur idealistischen Naturphilosophie, auch die Vielfalt der Realien beachtet und Sinn hat für die Beschreibung der Organismen und Vorgänge in der Natur. Mit zunehmendem Erfolg und wachsender Einsicht tritt diese Seite seines Wesens immer stärker hervor. Außerdem löst sich Oken schon bald vom Dogma Schellings, da er erkennt, dass das Experiment, die Beobachtung im Vordergrund stehen müssen. So sagt er 1806: „Den Geist zu finden sei unser höchstes Ziel, nicht erstes. Das Experiment ist das erste. Ohne Experiment, die empirische Erfahrung, ist die Naturphilosophie vag, ohne Stütze.“

Zu dieser Einsicht hat sicher auch sein verehrter Lehrer Ecker in Freiburg beigetragen, der Oken 1804 von der Veröffentlichung seines Grundriss der Naturphilosophie abrät und herbe Worte der Kritik gegen das naturphilosophische Schaffen Okens richtet.

Durch Fleiß und Talent hat sich Oken die Zuneigung seiner Freiburger Lehrer erworben und man möchte ihn im Lager der Zoologie behalten, ihn nicht an die Naturphilosophie verlieren.

Oken kommt als junger Student, unabhängig, von Schelling, zur Naturphilosophie. Es ist sein Bestreben, die belebte und unbelebte Natur nicht nur auf rationalem Wege, sondern gleichsam intuitiv als Ganzes, wie ein Kunstwerk zu erfassen.

Dies ist nicht nur ein Anliegen Okens, sondern viele Denker dieser Zeit kennzeichnet dieses Harmoniebedürfnis, das Vereinen-Wollen von theologischer und naturwissenschaftlicher Sicht. Auch für Goethe ist es ein Leitmotiv seines Schaffens.

Oken schwört in späteren Jahren nicht der Naturphilosophie ab, so liest er auch in den letzten Lebensjahren in Zürich noch Naturphilosophie.

Im Sommer 1804, mit 25 Jahren, promoviert Lorenz Oken in Freiburg zum Doktor der Medizin. Schon im November des gleichen Jahres geht er mit geliehenem Geld nach Würzburg zu Schelling. Um Spöttereien nicht länger ausgesetzt zu sein, hat er schon früh seinen Namen von Okenfuß in Oken geändert. Er hört bei dem nur wenige Jahre älteren Schelling, mit dem ihn eine tiefe Sympathie verbindet, Naturphilosophie, bei Döllinger Physiologie. Döllinger, zunächst ein Anhänger Schellings, wird bald ein bedeutender Vertreter der Empirie, Er lehrt Oken den Gebrauch den Mikroskops und die exakte Beobachtung. Also auch hier in Würzburg arbeitet Oken zweigleisig. Naturphilosophie und Naturwissenschaft sind für ihn jedoch nicht zwei getrennte Sachgebiete, sie ergänzen sich, fließen ineinander über. Nach eigenem Zeugnis sind bei ihm Spekulation und Wirklichkeitssinn in harmonischer Beziehung.

Zum Begriff Spekulation: Einerseits dürfen wir nicht vergessen, dass die Naturwissenschaftler nicht nur Verwalter für Daten und Fakten sind, sondern nur der darf sich Naturwissenschaftler nennen, der vom Bekannten, vom Erarbeiteten auf das Unbekannte schließt. Mögen die Schlüsse oft kühn sein, je nach Phantasie und Temperament, ohne diese Art von Spekulation kämen wir nur schleichend zu neuen Erkenntnissen. Spekulation ist also mehr im Sinne von Intuition zu verstehen.

Andererseits wecken viele von Okens Gedanken Widerspruch, erweisen sich als irrig und haben hie und da auch den Charakter des Seltsamen, Er vertritt zum Beispiel die Meinung, das Weib stehe eine Tierklasse tiefer als der Mann oder der Mensch sei das große Endziel der schaffenden Natur. 1815 verkündet Oken in seinem Lehrbuch der Naturgeschichte „Der Mensch ist Maß und Messer der Schöpfung, sein Leib mithin Maß und Messer der Tierleiber.“ Hier lehnt Goethe, der den Naturwissenschaftler Oken achtet, entschieden ab. Vier Organsysteme habe der Mensch, liest man im gleichen Lehrbuch, Eingeweide, Knochen, Muskeln und Nerven, also gäbe es ebensoviele Hauptklassen der Tiere. Zahlen ziehen Oken magisch an, er sucht ständig nach Analogien, gerät dabei in manche Sackgasse.

In Würzburg hungert sich Oken durch, Schelling kann ihm nicht helfen, er lobt ihn nach Göttingen zu Blumenbach, dort solle er seine Theorie der Sinne vervollkommnen. Blumenbach ist der beherrschende Anthropologe Deutschlands, bei ihm hört Oken vergleichende Anatomie. Oken, ungeheuer fleißig, von der Wissenschaft besessen und sprühend von Ideen, fällt auf, schon nach kurzer Zeit verschafft ihm Blumenbach eine Dozentenstelle. Nur mit diesem Hintergrund und der großen Toleranz der Göttinger lässt sich verstehen, dass man Oken in Göttingen duldet, erträgt, denn in seinem Drang nach Erkenntnis legt er sich mit den etablierten Gelehrten der ehrwürdigen Universität an, wird häufiger geradezu frech, man bescheinigt ihm Freude am Ärger, Lust am Streiten. Zeitweise hält man ihn in Göttingen für einen Verrückten und laut Zeitgenossen sieht er entsprechend aus. Braun gebranntes Gesicht, darüber schwarze zerzauste Locken, die Stimme rauh und hastig, gefärbt vom alemannischen Dialekt, beim Diskutieren legt er es darauf an, Händel zu suchen.


Zoologisches Schaffen in der Zeit Jena

1805 erscheint eine Darstellung Okens über die Zeugung, darin bezichtigt er die Präformationstherorie des Widerspruchs gegen die Gesetze der Naturentwicklung. Die Hauptvertreter der Präformationstheorie behaupten nach wie vor, in einer Keimzelle sei die künftige Organisation eines Tieres schon enthalten, sie müßte sich nur noch entfalten, aus den Schalen hüllen. Zuerst heißt es, Eva trage in ihren Eizellen wohl verschachtelt die kommenden Generationen, der Samen des Mannes habe nur die Rolle des auslösenden Reizes.

Diese Ansicht darf aber schon deshalb nicht gelten, weil sie die Bedeutung des Mannes in infamer Weise reduziert. Der Mann ist es vielmehr, der schon alle kommenden Geschlechter in sich trägt und jede Samenzelle enthält einen fertigen kleinen Menschen, den Homunculus, lautet die neue Forderung.

Oken legt nun im Gegensatz dazu seine Bläschentheorie vor, wonach die Basis der organischen Welt eine Unendlichkeit von Bläschen darstellt; jedes Bläschen besteht aus dem Urschleim, einer flüssigen Kugel mit fester Hülle. Diese Gebilde nennt Oken Infusorien. Pflanzen und Tiere sind nur Umwandlungen daraus. Oken lässt seine Infusorien durch Urzeugung entstehen, sie werden erschaffen, alles Größere entwickelt sich daraus im Sinne einer Metamorphose. Diese These hat nicht nur Goethe übernommen, der den Begriff Urschleim in Faust II verwendet, vor allem die Biologie profitiert.

Hier ist die Vorstufe der Zellenlehre zu sehen, die dann in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts von Schwann und Schleiden ausgebaut wird. Die Begriffe Urschleim, Infusorien, werden bleibendes Gut unserer Sprache, der Begriff Zelle wird von Oken erstmals geprägt.

Im Zuge seiner entwicklungsgeschichtlichen Arbeiten studiert Lorenz Oken die Embryonen von Säugetieren und dem Menschen. Er sammelt wichtige Erkenntnisse und macht eine Reihe von Entdeckungen, die den berühmten Zoologen Karl Ernst von Baer später veranlassen, Oken im Vorwort zu seiner Entwicklungsgeschichte der Tiere nicht nur lobend zu erwähnen, sondern ihm zu bescheinigen, dass er durch seine hervorragenden Beobachtungen die Erkenntnisse der Entwicklungsgeschichte unendlich gefördert hat, seine Untersuchungen den Wendepunkt für die richtige Erkenntnis des Säugetier-Eies bedeuten.

Zurück zu Blumenbach nach Göttingen. Es geht wieder einmal um die Sonderstellung des Menschen. Blumenbach glaubt, der Mensch besitze keinen Zwischenkieferknochen und unterscheide sich darin generell von allen Säugetieren. So schließt er eine seiner Vorlesungen mit den Worten: „… der Mangel dieses Zwischenkieferknochens, des Os intermaxillare, ist Charakter der Humanität; der Mensch hat gewiss keinen, nur der Hund hat einen Zwischenkiefer.“ Anschließend im Praktikum, beim Kochen eines Bärenschädels in Lauge, fällt nicht wie erwartet das Os intermaxillare aus dem Knochenverband; es löst sich nicht heraus, da es hier sehr stark mit den benachbarten Knochen verzahnt ist, jedoch lässt es sich an Hand der Nähte nachweisen. Für Blumenbach ist die Situation fast peinlich, Oken bringt sie auf eine Idee; hier zeigt es sicht dass er richtig spekuliert. Sein Gedanke an die Einheit der Natur lässt es nicht zu, dass der Mensch sich durch das Fehlen eines anatomischen Elementes von den übrigen Organismen unterscheiden soll, lässt ihn etwas erkennen, was noch nicht wissenschaftliche Tatsache ist. Oken schlägt nun den einzig richtigen Weg ein; die sorgfältige Präparation menschlicher Embryonen zeigt ihm, dass das Os intermaxillare beim Menschen nicht fehlt, dass es vielmehr im Laufe der Entwicklung sich mit den Nachbarknochen so eng verzahnt, dass die Nähte nicht mehr erkennbar sind und der Knochen sich beim Erhitzen in Lauge nicht herauslöst.

Bedeutsam sowohl für Oken als auch für Goethe wird der Umstand, dass der Dichter aus ganz ähnlichen Erwägungen wie Oken, nicht nur zum gleichen Schluß gelangt, sondern nach gründlichen Studien ebenfalls den Zwischenkieferknochen beim Menschen findet. Allerdings schon 20 Jahre vorher, am 27.3.1784. Goethe will damit doktorieren, erfährt aber damals bei Blumenbach eine für ihn schmerzliche Abfuhr und hält die ganze Angelegenheit streng geheim. Was diese Entdeckung des Os intermaxillare für Goethe bedeutet, können wir ermessen, wenn wir in seinen Briefen lesen. So schreibt er am Tage der Entdeckung, jenem 27. März 1784 an Frau von Stein: „Es ist mir ein köstliches Vergnügen gewesen, ich habe eine anatomische Entdeckung gemacht, die wichtig und schön ist, Du sollst auch Dein Teil dran haben. Sage aber niemand ein Wort. Herder kündiget es auch ein Brief unter dem Siegel der Verschwiegenheit an. Ich habe eine solche Freude, dass sich mir alle Eingeweide bewegen.“ und sein Brief an Herder lautet: „Ich habe gefunden weder Gold noch Silber, aber was mir unsägliche Freude macht – das Os intermaxillare am Menschen! Ich verglich Menschen – und Tierschädel, kam auf die Spur und siehe, da ist es… es ist wie der Schlußstein zum Menschen, fehlt nicht, ist auch da….“

Später, von Oken überzeugt, entschuldigt sich Blumenbach bei Goethe und gesteht seinen Irrtum offen ein. Die Priorität der Entdeckung hat also Goethe, unabhängig davon erkennt Oken später dasselbe, lässt sich nicht abwimmeln, veröffentlicht es zuerst.

Goethe, unseren Schülern in der Regel nur als Dichter und Denker bekannt, ist ein begeisterter Naturforscher; zum Entsetzen seiner Freunde verbringt er Jahre mit anatomischen und anderen naturwissenschaftlichen Studien. Er hat ernsthafte Pläne für größere Arbeiten in dieser Richtung, ihm schwebt vor, wissenschaftliche Zusammenhänge künstlerisch darzustellen. Es ist wahrscheinlich, dass die kalte Schulter der Gelehrten bei der Zwischenkiefergeschichte und der folgende Streit mit Oken ihn von seinem Vorhaben abbringen. Bereits in Göttingen hat Lorenz Oken als Dozent großen Zustrom. Die Studenten verehren und schätzen ihn, sie mögen seine direkte, unkomplizierte Art, außerdem ist bei ihm immer etwas los.

Besonders beliebt sind seine Exkursionen, hier ist Oken richtungsweisend für eine ganze Forschergeneration. Er empfiehlt, die Objekte in ihrem natürlichen Umfeld zu studieren, sich nicht nur an Getrocknetes und in Spiritus Eingelegtes zu halten. So ist er der erste Zoologe überhaupt, der ans Meer geht, um die marine Tierwelt an Ort und Stelle zu studieren.

1806, während seiner Studien auf Wangeroog nutzt L. Oken die Zeit einsamer Beobachtungen, um eines seiner vielfältigen Anliegen voranzutreiben. Er will die Fachsprache vereinfachen, dem Laien zugänglich machen. Eine wahre Flut von Wortschöpfungen ist das Resultat. Viele dieser Begriffe haben sich gehalten und sind Teil unseres Sprachschatzes, wie etwa Nesthocker, Nestflüchter, Lurche, Kerfe, Kerbtiere. Andere sind nur kurzlebig, wie Bäre für ein Muttertier mit Jungen bei den Säugern.

Goethe amüsiert sich köstlich über diese neuen Bürger der deutschen Sprache und geht sogar in einem Gedicht halb spöttisch halb anerkennend darauf ein.


Der Streit mit Goethe

Im Zusammenhang mit seinen Knochenstudien, die in der Wirbeltheorie des Schädels gipfeln, kommt Oken in Prioritätsstreit mit Goethe, dies hat für Oken nur unangenehme Folgen. Was ist geschehen? Im Harz, am Ilsenstein, findet Oken 1806 auf einer seiner Exkursionen den Schädel einer Hirschkuh, er selbst sagt später zu diesem Fund: „Aufgehoben, umgekehrt, angesehen und es war geschehen. Es ist eine Wirbelsäule, fuhr es mir wie ein Blitz durch Mark und Bein ….“

Seltsam die Parallelität der Ereignisse. So findet Goethe 1790, während seiner zweiten italienischen Reise, am Strande von Venedig einen zerbrochenen Schafschädel und hat eine ganz ähnliche Erleuchtung. Auch er glaubt die gesetzliche Struktur der Schädelbildung zu begreifen, auch er kommt zu der Ansicht, der Schädel müsse aus umgebildeten Wirbeln entstehen. Wie beim Zwischenkiefer behält Goethe sein Wissen für sich, Oken dagegen forscht weiter, untermauert die Idee, will veröffentlichen.

Inzwischen bekommt Lorenz Oken einen Ruf nach Jena. An dieser Berufung hat Minister Goethe Anteil, denn ihn interessiert der Zoologe Oken und sein vielfältiges Schaffen. Goethe dankt Goethe brieflich. Nun arbeitet er intensiv an seiner Wirbeltheorie, er möchte sie zur Antrittsvorlesung in Jena fertig haben und macht sie zu deren Thema. Am 30. Juli 1807 ernennt die Regierung zu Weimar Doktor Oken zum außerordentlichen Professor der Medizin bei der Gesamtakademie Jena. „Über die Bedeutung der Schädelknochen“ heißt denn auch Okens Vortrag. Später schickt Oken den gedruckten Vortragetext an Goethe mit der Hoffnung, er möge ihn beim Minister empfehlen.

Aber noch am Abend der Antrittsvorlesung erfährt Goethe durch Freunde vom neuen Professor. Goethe erzählt von Venedig, seinem Fund des Schafsschädels und der ihm damals spontan gekommenen Idee. Die Freunde können nicht länger an sich halten, die Duplizität des Findens und Entdeckens ist zu erregend. Heute sei der Gedanke in das Publikum gesprungen und Oken, sagen sie, sei der Prophet. Goethe schweigt betroffen, er schweigt viele Jahre. Erst 1816, 9 Jahre später, bezichtigt er in Heidelberg öffentlich Oken des Plagiats, des geistigen Diebstahls — eine schwere Anschuldigung.

Doch von 1807 bis 1816 hat sich zwischen den beiden Männern einiges angestaut. Schwierigkeiten gibt es bereits zwei Jahre nach Okens Einzug in Jena. Der Bitte Okens um freien Zugang zu den Bibliotheksschätzen in Weimar kommt man nur ungern nach; Oken legt sich alsbald mit dem Verwalter der Bibliothek, einem Schwager Goethes, an und seine Art, eine Bibliothek zu benutzen, ist der Sache eher abträglich. In einem Beschwerdebrief formuliert Oken denn auch, wie eine Bibliothek benutzt werde, sei höchstens drittrangig, wichtig sei, dass sie benutzt werde, auch wenn es nach wenigen Jahren nichts mehr zu benutzen gäbe. Dass sein Ordnungssinn nicht der größte ist, hat sich herumgesprochen, diese Aussage jedoch bringt Goethe in Wallung. „Persönlich möchte ich nie wieder ein Verhältnis zu ihm haben!“ lautet sein Bescheid.

1814 Im Oktober heiratet Lorenz Oken Louise Stark, die Tochter des Geheimen Hofrates Stark in Jena. Seine Frau teilt mit ihm die kommenden turbulenten und sorgenreichen Jahre seines Lebens. Die Familie Oken hat zwei Kinder, Sohn Offo und Tochter Clothilde.

Oken wird untersagt, im Botanischen Garten Vorlesungen zu halten, das Schreiben trägt die Unterschrift Goethes. Oken macht sich in einem Schreiben an Schelling Luft, sein Zorn richtet sich besonders gegen Geheimrat Voigt, den Direktor des Botanischen Gartens. „…ein schwaches läppisches Individuum, das sich alles gefallen lässt und selbst den Stiefelknecht macht und das ein Schwachkopf ist und dessen Anstellung als Professor ein Machwerk von Knebel und Goethe ist. Wer die bürgerliche Obrigkeit herbeizieht, um Äußerungen seines Geistes zu retten, ist ein erbärmlicher Wicht, … Hier brennt’s“.

Dass man auch auf der Gegenseite nicht zimperlich ist mit dem Wort, bescheinigt ein Handzettel des Großherzogs Carl August von Weimar, der sich sowohl amtlich als auch zutiefst menschlich mit Oken beschäftigt: „Der Oken ist wieder nicht recht richtig im Kopfe; die Erfindung der vielen neuen Namen scheint seinem Geiste und der Urteilskraft geschadet zu haben!“ Dies ist ein Kommentar zu einem Artikel in der „Isis“.

Bei allem, was Goethe und Goethe entzweit und sie davon abhält, sich zu versöhnen, achtet der eine doch den Dichter, der andere den Naturwissenschaftler. Die Prioritätstreitigkeiten sind sicher nicht das allein Maßgebende zwischen beiden, -,sie sind Symptome einer tiefgehenden Disharmonie. Goethe mag Okens direkte, oft derbe Art nicht, Oken kann Goethes Erwartung, ihn zu hofieren, nicht erfüllen, lehnt sie ab.

Mit zunehmenden zeitlichem Abstand denkt Goethe viel milder und weiser über Oken als jener ahnen kann. So erfahren wir, dass Goethe 1828 die wissenschaftliche Genialität Okens lobt und ihn auf eine Stufe stellt mit dem von ihm bewunderten Alexander von Humboldt. Goethe stirbt am 22.3.1832.

Im Juni 1836 entbrennt der Prioritätsstreit noch einmal mächtig und Oken – wohl in Erinnerung an die erlittenen Zurückweisungen und die zugefügte Schmach – lässt sich zu überaus heftigen Worten gegen Goethe hinreißen. So erklärt er in der Augsburger Allgemeinen Zeitung: „Wegen Goethe erkläre ich hiermit jedem, der sagt oder zu verstehen gibt, ich wäre mittelbar oder unmittelbar durch Goethe auf meine Idee von der Wirbelbedeutung der Schädelknochen gekommen, für einen boshaften Lügner, Verleumder und Ehrabschneider.“

Und dies obwohl Bojanus und Carus noch zu Lebzeiten Goethes den wahren Sachverhalt klar und gerecht dargestellt haben. Goethe entwickelt zuerst die Gedanken, hält sie jedoch zurück, privat; Oken hat die Gedanken als zweiter, unabhängig von Goethe, aber er veröffentlicht sie zuerst.

Wie sehr diese ganze Auseinandersetzung Oken belastet und in ihm frist, zeigt die Behauptung, zu der er sich 11 Jahre später versteigt, Goethe habe Ihm diese Entdeckung unverschämterweise rauben wollen. Er bezichtigt Goethe der Rachsucht und der Anstiftung zu Misshandlung gegen ihn (Artikel in der „Isis“ 1847). Hier geht Oken zu weit, schießt bedauerlich über das Ziel hinaus. Vielleicht ist auch ein Blasenleiden, das ihn Seit 1836 quält, mit Schuld an der wachsenden Verstimmung. Von seiner Tochter Clothilde wissen wir, dass er nun häufiger kränklich und schlechter Stimmung ist.

Sicher ist, dass Oken ohne diese Verfeindung mit Goethe einen bedeutenderen Platz in der Kulturgeschichte erhalten hätte, einen ihm zustehenden, wie ich meine. Goethe und seine Anhänger hatten einen weitreichenden Einfluß und dadurch wurde die Wertschätzung Okens im Bewusstsein des Bürgertums getrübt.

1819 wird Lorenz Oken entlassen, die Universität Jena sieht mit Bedauern ihren besten Professor aus dem Amte scheiden. Oken bleibt noch 9 Jahre in Jena, wenig ist bekannt aus dieser Zeit. Er lebt von der Herausgabe der „Isis“. Familie und Freunde stehen zu ihm.

Ende 1827 erhält er eine Professur für Physiologie an der Universität in München, hier sammelt Oken wie früher eine Schar begeisterter Hörer um sich, aber bald gibt es Unstimmigkeiten. Wieder einmal geht es vordergründig um die Bibliotheksbenutzung, hintergründig ist Oken einflussreichen Leuten zu liberal, zu frei mit dem Wort.

Der neu gegründeten Universität in Zürich gelingt es, Oken zu gewinnen, er lebt von nun an in der Schweiz. Am 29.4.1833 nimmt Oken, 54-jährig, als erster Rektor der Universität Zürich die Stiftungsurkunde von der Zürcher Regierung entgegen. Der letzte Abschnitt von Okens Tätigkeit ist kein stilles, ruhmloses Verklingen seines breiten und vielfältigen Wirkens in Göttingen und Jena. Nach wie vor übt er auf seine Hörer eine starke, nachhaltige Wirkung aus. Bei den jüngeren Professoren steht er in hohem Ansehen und wird verehrt.


Lorenz Oken und Georg Büchner

Der einzige Privatdozent, den Lorenz Oken nach Zürich holt, ist Georg Büchner. Der Dichter und Zoologe Büchner lebt in Straßburg, in seiner Heimat Deutschland wird er verfolgt aus politischen Grünen.

Im Winter 1835/36 arbeitet der 23jährige Büchner über die Beziehungen zwischen Gehirn- und Spinalnerven bei Fischen, ist also anatomisch aktiv. Mit dieser Arbeit setzt er in gewissem Sinne Okens und Goethes Wirbeltheorie des Schädels fort. Dabei bestätigt er Okens Vorstellung vom Ohr der Säuger als einer umgewandelten Kiemenhöhle.

Seine Arbeit wird 1836 in Zürich als Dissertation angenommen, Büchner nach einer Probevorlesung sogar als Privatdozent zugelassen. Er liest im Anschluss an seine Habilitation vergleichende Anatomie der Fische und Amphibien; seine Vorlesung ist stark besucht, gilt als etwas besonderes,

Der ruhelose und politisch verfolgte Büchner findet hier dank Okens Hilfe für kurze Zeit Ruhe für die geliebte wissenschaftliche Arbeit. Er wäre wohl ein bedeutender Zoologe geworden, wenn er nicht schon 24jährig vor Abschluss des Wintersemesters am Typhus gestorben wäre. Der Name Oken wird für immer mit den wenigen glücklichen Monaten im Leben Büchners verbunden sein.

Oken als Hochschullehrer und Förderer der Naturwissenschaften

Spätestens seit den Studien in Wangeroog wissen wir, dass Lorenz Oken der marinen Zoologie zugeneigt ist; zeitlebens bleibt er Förderer und Wegbereiter dieser Disziplin. Durch ihn angeregt gehen zwei seiner Hörer 1846 nach Neapel, begleitet von italienischen Freunden Okens. Auf deren Arbeiten fußt die Einrichtung der zoologischen Station in Neapel; 1870 wird diese alte Vision Okens Realität, der geistige Vater erlebt es nicht mehr.

Mit der „Isis“ schafft Oken den Naturwissenschaften ein Sprachrohr, es ist eine nicht nur in Fachkreisen angesehene Zeitschrift mit fast schon internationalem Charakter, viele Artikel erscheinen in der Originalsprache.

Eine noch breitere Wirkung hat sein ‚Lehrbuch der Naturgeschichte‘. Es entsteht noch in Jena und wird in den späteren Jahren zu einem mehrbändigen Werk ausgebaut, seiner ‚Allgemeinen Naturgeschichte für alle Stände‘. Von 1833 bis 1845, also während der Züricher Zeit erscheinen die 12 Textbände und der Bildband. Dieses Werk ist das bis dahin vollständigste seiner Art, Oken wird damit zum ‚Grzimek des 19. Jahrhunderts‘. Mit einem bedeutenden Unterschied jedoch, verglichen mit seinem bekannten Nachfolger: Oken hat bei weitem nicht die technischen, personellen und finanziellen Mittel zur Realisierung seiner Ideen, auch liegt eine ähnliche Zusammenstellung noch nicht vor. Okens Lehrbücher werden für Edmund Alfred Brehm zum großen Vorbild, er findet für sein ‚Tierleben‘ eine ausgezeichnete Vorlage. Brehm wird berühmt, die meisten unserer Zeitgenossen kennen ihn. Okens Werk dagegen ist heute so gut wie unbekannt, dabei ist es viel umfassender, enthält Erdgeschichte, Botanik, Zoologie Medizin (Anatomie). Mit diesem Werk verwirklicht Lorenz Oken einen schon früh gefassten Vorsatz; jedem Laien will er die Ergebnisse der Naturwissenschaft verständlich und zugänglich machen.

Eine noch heute, vor allem im deutschen Sprachraum, dringlich gestellte Forderung, Vereinfachung der Fachsprache, das Vertrautmachen breiter Kreis mit den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung, Oken hat es schon vor über 140 Jahren meisterhaft verstanden.

Nachdem Oken dem deutschen Volke sein Lehrbuch der Naturgeschichte, den Gelehrten ihre Zeitschrift, die „Isis“ gegeben hat, erfüllt er eine weitere große Aufgabe. Er gründet die „Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte“. Mit dieser Gesellschaft erreicht Oken viele Ziele gleichzeitig; eine zentrale Einrichtung, an die der literatisch aktive Arzt oder Naturforscher sich wenden kann, der Einzelne kann nun mit Hilfe der Gesellschaft mehr erreichen, das Wissen wird schneller verbreitet, die Förderung der Forschung multipliziert. Oken weckt das Standesbewusstsein vor allem der Mediziner. 1822 ruft Oken zur ersten Tagung nach Leipzig auf mit den Worten: „Die Idee im Kopfe, oder die Abhandlung in der Tasche und ein freundliches Gesicht ist hinlänglicher Reiseapparat.“ Schon über ein Jahr vorher rührt Oken in der „Isis“ die Werbetrommel für diese Veranstaltung und eine Gruppe rieselustiger württembergischer Naturforscher kommt bereits 1821, ein Jahr zu früh, nach Leipzig. Die Schwaben sind über dieses Missgeschick so verärgert, dass sie in vielen Zeitungen, auch in der „Isis“ Krach schlagen. Eine bessere Reklame hätte Oken nicht finden können. Die Gesellschaft wird zur blühenden Institution, 1828, beim 6. Treffen in Berlin, kommen die alten Regierungsgegner aus Jena und huldigen Oken; durch Alexander von Humboldt lässt man Worte des Dankes, der Anerkennung und der Ehrerbietung an Oken richten. Der Begründer selbst kommt nur selten zu den Tagungen, seinen Teil der Aufgabe sieht er erfüllt.

Seine Verdienste als Forscher und Förderer der Naturwissenschaften sind somit reichlich belegt, lassen Sie mich noch ein wenig über den Hochschullehrer Oken sagen. Vielfach bescheinigt und immer wieder hervorgehoben wird das Lehrtalent Okens. Mit fachlicher Begeisterung, großer geistiger Beweglichkeit, klarer einfacher Sprache, zieht er besonders die Jugend an. Er ist stets aufgeschlossen, spricht gern mit den jungen Menschen, nicht nur zu ihnen. Oken verbannt den geschriebenen Text vom Rednerpult, nicht Vorlesen, frei Lehren lautet sein Imperativ, die entsprechende gründliche Vorbereitung legt er den jungen Dozenten besonders ans Herz. Seine Hilfsbereitschaft, ideell und materiell, ist bekannt, er hat die entbehrungsreiche Zeit und die ihm zuteil gewordene Hilfe nicht vergessen.

Drei Zitate sollen die Wertschätzung, vor allem durch die Jugend, beleuchten:

  • 1827 berichtet der spätere Botanikprofessor Braun als Student aus München an seine Eltern: „Oken ist ein kleines verständiges Männlein, das sehr klug spricht, er erklärt uns den Bau der ganzen Natur und sucht uns die ewigen Gesetze zu zeigen, nach denen alles in der Welt entstehen, bestehen und wieder vergehen muß. Wir haben ihn alle gern, und wie Schubert das Gemüt anregt, so beschäftigt er den Verstand auf das nützlichste und angenehmste.“
  • Der Jenaer Kollege Huschke sagt im Nachruf den er Oken vor der Versammlung ‚Deutscher Naturforscher und Ärzte‘ widmet, „So bizarr oft sein Stil, so gewandt und fließend war sein lebendiger Vortrag, so dass die Schüler auf die Worte des gefeierten Meisters schwören mochten, Alles breite vermeidend, war er stets anregend, indem er nicht nur zu merken, sondern auch zu denken gab.“
  • Friedrich Horner, Augenkundler in Zürich, der den alten Oken erlebt hat: “ … den Charakter des Komischen konnte die Zoologie von Oken leider nicht immer loswerden, besonders, wenn das kleine magere Männlein in seiner Leibhaftigkeit Figur und Form, ja Lebensweise der Tiere selbst nachzugestalten suchte und seinen Mantel als Schneckengehäuse benutzend, selbst die geheimen Taten dieser friedlichen Tiere kopierte. Aber die Empfindung von der Begeisterung und dem umfassenden Geiste des Mannes nahmen wir doch in uns auf und folgten gern seinen freundlichen Einladungen zum Tee.“

Oken stirbt am 18.11.1851, 10 Tage nach seinem 72. Geburtstag. Seine Studenten ehren ihren Lehrer mit einem Fackelzug.

Zusammenfassung und Schluß

„Ich bin überzeugt, dass man die Menschen unverhältnismäßig viel mit dem Maul lehrt und dass man ihre besten Anlagen verderbt… indem man ihnen den Kopf voller Wörter macht, ehe sie Verstand und Erfahrung haben.“ Dies ist kein Zitat eines sich etwas derb ausdrückenden Pädagogen unserer Tage, es sind die Worte Pestalozzis aus dem Jahre 1785, das heißt vor fast 200 Jahren. Es klingt leider sehr aktuell. Wir wissen nicht ob Lorenz Oken Pestalozzi gekannt hat, auf jeden Fall hat er ganz in seinem Sinne gehandelt, Naturbeobachtung – und das schließt das Experiment mit ein – sei es makroskopisch oder mikroskopisch, müssen das primäre sein, es folgt das Beschreiben, das Nachdenken. Nicht bezugslos Fakten soll der Lehrer vermitteln, sondern ein Netz von Querverbindungen soll geknüpft werden unter Einsatz der Persönlichkeit des Lehrers.

Um auf den Ausgangspunkt meiner Ausführungen zurückzukommen, Lorenz Oken mag vielleicht kein unumstrittener Wissenschaftler gewesen sein, dennoch sind seine wissenschaftlichen Leistungen heute anerkannt, mögen auch die neueren Erkenntnisse manches überholt haben. Hervorragend vor allem sind seine Verdienste um die Naturwissenschaften, herausragend sein Bemühen um die ihm anvertrauten und sich ihm anvertrauenden Studenten, bahnbrechend sein Hinaustragen der wissenschaftlichen Erkenntnisse unter das deutsche Volk, dessen Bildung ihm so sehr am Herzen lag. Ein steter Kämpfer für die Freiheit des Einzelnen und die Freiheit der Lehre.

Lorenz Oken ist wohl der größte Sohn des Raumes Offenburg, ja der Ortenau, und wir sollten an seinem Denkmal im Franz-Volk-Park zusätzlich eine Texttafel anbringen, Lorenz Oken darf zumindest in seiner Heimat nicht in der Anonymität versinken.

Derjenige, der Oken als Namenspatron für unsere Schule gewählt hat, hat eine glückliche Wahl getroffen und nicht ohne Stolz dürfen wir den Namen unserer Schule nennen. Wir sollten uns aber stets bemühen, etwas vom Geist und Wollen des Lorenz Oken weiterzutragen. Ich glaube ein wenig ist es uns gelungen, genießt doch unsere Schule das Ansehen eines liberalen Gymnasiums, das seinem Namenspatron Ehre macht.