Schueler
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Lorenz Oken: Ein badischer Liberaler

(von Klaus Schäffner, ehem. Schulleiter am Oken 1983-1997)

Herkunft und Werdegang

Das Taufregister von Hl. Kreuz in Offenburg verzeichnet unter dem Datum vom 1. August 1779, dass an diesem Tage geboren und getauft wurde „Laurentius filius legitimus Joannis Adami Okenfuß“. Den Namen Lorenz erhielt der Junge nach dem Kirchenpatron seines Geburtsortes Bohlsbach. Es war der Geburtstag des bedeutenden Naturphilosophen und engagierten Hochschullehrers Lorenz Oken, des Namenspatrons unserer Schule.na_sch_haus

Über Okens Herkunft läßt sich nicht allzu viel mitteilen. Seine Eltern sind ziemlich mittellose Kleinbauern, die häuslichen Verhältnisse eher ärmlich. Nach der heutigen Milieutheorie hätte dem kleinen Lorenz wohl keine rosige Zukunft, geschweige denn eine große akademische Karriere in Aussicht gestanden. Doch zum Glück ist am Ende des 18. Jahrhunderts diese Theorie noch nicht erfunden. Vielleicht liegt es auch am besonderen Temperament der Sippe Okenfuß, dass Johann Adams Sohn Lorenz nicht, wie er später gesagt haben soll, eine „weitere Armenleiche auf dem Friedhof zu Bohlsbach“ wurde. So erwähnt Alexander Ecker, Okens späterer Biograph, wobei er sich auf einen Bericht des Bohlsbacher Ortspfarrers beruft, „dass viele aus dem Geschlecht der Okenfuß rechthaberisch und hitzigen Temperaments“ seien und „dass man in diesem Dorfe ganz auffallend viele ungewöhnlich brünette, selbst auffallend viele schwarze Familien finde und dass insbesondere die Branchen Okenfuß schwarz, sehr schwarz, manche sogar von wahrer Zigeunerfarbe und -blick seien.“

Am Rande sei vermerkt, dass Oken sich zeitlebens seiner kleinbürgerlichen Herkunft nie schämte, dass er aber auch nie — und das ist vielleicht noch aufschlussreicher — damit kokettierte.na_sch_bg2

Lehrer und Pfarrer in Bohlsbach bemerken schon bald, dass Lorenz Okenfuß ein überdurchschnittlich begabter und lerneifriger Junge ist, so dass sie dem Bauernsohn den Besuch des Offenburger Franziskanergymnasiums, des Vorgängers des heutigen Grimmelshausengymnasiums, vermitteln. Die Franziskaner-Patres bescheinigen Oken nicht nur ein „ingenium felix“ (eine glückliche Anlage), sie schicken 1799 ihren besten Schüler an die Stiftsschule nach Baden-Baden, wo Lorenz Oken dem Mathematiker Anton Maier begegnet, dem Lehrer, der in ihm wohl die Liebe zur Mathematik und Naturwissenschaft weckt. Ihm widmet er deshalb sein 1805 erschienenes Buch „Abriss eines Systems der Naturphilosophie“. Der Freiburger Professor Max Pfannenstiel hebt in seiner Würdigung Okens von 1951 diese Dankbarkeit gegenüber seinen Offenburger und Badener Lehrern als besonders „liebenswürdigen Zug Okens“ hervor. In der Tat hat Oken in seiner berühmten Antrittsvorlesung in Jena 1807 seinen Offenburger und Badener Lehrern ausdrücklich gedankt.

Nach erfolgreichem Schulabschluss immatrikuliert sich Oken zum Wintersemester 1800/01 an der Universität Freiburg als Student der Medizin. Nach Pfannenstiels Bericht sei er an einem Tag von Bohlsbach nach Freiburg gewandert, um das Geld für die Postkutsche zu sparen. Das ist nur ein erster Beweis Okens, auch unter ungünstigen äußeren Bedingungen zu einem gesteckten Ziel zu gelangen. Nach nur vier Semestern legt der junge Medizinstudent seinem Chirurgieprofessor Ecker einen fertigen „Abriss eines Systems der Naturphilosophie“ vor, der eigentlich Staunen und Bewunderung hätte wecken müssen. Statt dessen erntet Oken scharfe Ablehnung vonseiten seines Professors, der ihm einen zum Atheismus führenden Mystizismus vorwirft und ihn vor dem Schellingschen Fahrwasser warnt. Welcher Student hätte sich von so herber Kritik nicht entmutigen lassen! Nicht so Oken, für ihn scheint die Erwähnung Schellings geradezu ein Stichwort gewesen zu sein. 1804 promoviert er zum Doktor der Medizin, leiht sich Geld und läßt seine Naturphilosophie erst einmal auf eigene Kosten drucken. Dann begibt er sich zu seinem neuen Idol, dem schwäbischen Naturphilosophen Schelling, nach Würzburg. Hier genießt der sich durchhungernde Oken nicht nur Caroline Schlegel-Schellings mütterliche Unterstützung, hier begegnet er auch der geistigen Elite der deutschen Romantik.

Durch Schellings Vermittlung kommt Oken 1805 nach Göttingen zu Blumenbach, dem großen Anthropologen und Anatomen, der ihm zur Privatdozentur verhilft. Hier beginnen Okens große zoologische Laufbahn, seine anatomischen Studien und Entdeckungen.


Der Herausgeber der „Isis“

Die Jenaer Zeit ist auch für Lorenz Oken zwar nicht der Höhepunkt seiner akademischen Laufbahn, aber eine Zeit unerhörter Schaffenskraft sowohl im Bereich derIn Jena Naturwissenschaften als auch der allgemeinen und politischen Publizistik. 1817 tritt Oken mit einer neu begründeten und von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Isis“ an die Öffentlichkeit. Diese Zeitschrift ist vielleicht — historisch gesehen — Okens größtes Werk in wissenschaftlicher, staatsbürgerlicher und pädagogischer Hinsicht. Sie ist im Sinne ihres Untertitels eine wahrhaft enzyklopädische Zeitung, die allen Wissensgebieten, vornehmlich aber den Naturwissenschaften, offenstehen soll. Nur zwei Fakultäten räumt der sonst liberale Oken keinen Platz ein: der Theologie und der Rechtswissenschaft. Seine Begründung im Januarheft der „Isis“ von 1817 lautet: Die Vertreter dieser Wissenschaften haben sich „zu weit vom Menschlichen entfernt“. (Eine für Oken typische Bemerkung!)

Es ist übrigens aufschlussreich, dass der kürzlich verstorbene Dichter Arno Schmidt 1958 in seinem Buch über Fouqué eine bemerkenswerte Charakteristik der „Isis“ liefert, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte: „Wer sich einmal näher mit der ‚berüchtigten Isis‘ bekannt gemacht hat, wird dies nie zu bereuen haben; denn sie ist eines der interessantesten und belehrendsten Blätter der ganzen Zeit“ (gemeint ist die erste Hälfte des 19. Jhs.) Und an anderer Stelle spricht A. Schmidt von „Lorenz Oken, dem großen Herausgeber der herrlichen Isis“. Welches Lob aus dem Munde des häufiger verkniffen boshaften A. Schmidt!

Im folgenden soll nun dargelegt werden dass dieses Lob der „Isis“ keineswegs zu Unrecht besteht. Schon in den Heften des ersten Jahrgangs – die „Isis“ erscheint monatlich – liefert Oken nicht nur naturwissenschaftliche Abhandlungen, er greift auch mutig und ohne langes Bedenken politische Themen auf.

In der Zeit unmittelbar nach dem Wiener Kongress, die beherrscht ist vom reaktionären Geist Metternichs und seiner vielen willigen Helfer im Deutschen Bund, verfasst Oken in einem Isisheft des Jahrgangs 1817 eine handfeste Kritik der Weimarer Verfassung die gerade 1816 verabschiedet worden war und bis heute in den Schulbüchern als Beispiel besonderer Liberalität dargestellt wird. Okens Aufsatz trägt den Titelt „Über das Grundgesetz über die Landständische Verfassung des Großherzogtums Sachsen – Weimar – Eisenach“. Mit einer verblüffenden Direktheit nimmt Oken diese Verfassung aufs Korn. Als ersten attackiert er die ansonsten überall in Deutschland noch hingenommene Ständeordnung. Das hört sich ebenso lapidar wie unumstößlich an: „Erstens sind die Grundlagen der Ständeeinrichtung völlig verfehlt.“ Diese Behauptung wird dann durch einen einleuchtenden Beweis untermauert, wobei Oken allerdings nicht die französischen Vorstellungen der égalité vertritt, sondern das Ständewesen, wie es die weimarische Verfassung will, als ein sinnloses Relikt des Lehenswesens geißelt. Oken lehnt nicht einmal grundsätzlich Stände oder Klassenunterschiede ab. Nur die rückständige Einteilung in „Rittergutsbesitzer, Städter als Bürger und Bauern“ erscheint ihm unannehmbar. Sie erregt heftig seinen Unwillen. Und so fragt er empört: „Wie in aller Welt unterscheidet sich ein Rittergutsbesitzer (wenn auf den Adel nicht Rücksicht genommen wird) von einem Bauern? Etwa weil das Gut größer ist? Das ist nicht immer der Fall, und wenn auch, Scholle ist Scholle, und jener treibt seine Knechte und Pferde wie dieser‘. Welche Unterschiede ihr auch heraus grübeln möchtet, so werdet ihr uns doch eingestehen, dass ihr keinen andern wisst als die verschiedene Bildung : also der Rittergutsbesitzer ist ein Mensch von gebildetem Stand, und darum nicht eins mit dem Bauern“. Damit ist Oken auf die Unterscheidung gestoßen, die er allein für Menschen billigt: die Bildung! Und sein Vorwurf gegen die Verfasser dieses weimarischen Grundgesetzes lautet demnach auch ganz schlüssig: „Also Bodenstände, nicht Geistesstände wollt ihr haben! Ja, den Geist schließt Ihr aus! Den gelehrten Stand, welcher durch den geistlichen repräsentiert wird, werft ihr weg!“

Entsprechend hart sind die Vorwürfe die Oken deswegen der Universität und besonders der theologischen Fakultät macht, die ihre alte Aufgabe und Würde vergessen habe. Typisch für Okens Streitbarkeit ist es, wenn er bei dieser Gelegenheit auch mit seinen anderen Widersachern, denen er tiefste Verachtung entgegenbringt, abrechnet: den Juristen. In ihnen erblickt er einen Hauptgrund für den verfehlten Verfassungsentwurf. „Ist es denn so schwer zu begreifen, dass Juristen, wo sie in Menge allein beisammen sind, sich in Formalitäten, in Kleinigkeiten, in Vorsichtsmaßregeln, an die kein Mensch denkt, verlieren?“ Und dann sein Hauptthema, die Verfassung, für kurze Zeit außer acht lassend, „Seht ihr denn nicht, dass in unserem so wie in allen deutschen Staaten nur die Juristen gut besoldet sind, während Gelehrte, Geistliche, Ärzte, Schullehrer darben? Und diesem Stand wollt ihr eure Rechte, euer Wohl zu vertreten übergeben? Warum schiebt man alle gebildeten Stände (die Juristen zählen für ihn offensichtlich nicht dazu! -) aus der Landesvertretung weg?“ Und so beschließt er seine Attacke pathetisch: „Die Kraft des Staates den Juristen überlassen, den Geist des Staates den Juristen überlassen, heißt das Edelste der Menschheit und der Bürgerschaft einem Stand als Sklave opfern!“

Oken verliert sich aber keineswegs in eine akademische Polemik; vielmehr kommt er sehr wohl auf sein eigentliches Thema, die Kritik an der weimarischen Verfassung, zurück. Für ihn gibt es nur einen Unterschied zwischen den Staatsbürgern den er anerkennt, ja sogar wünscht, den Geist, die Bildung! „In den Ständen macht der Geist, welcher in allem Menschlichen den Stab führt, den Unterschied.“ Geist und Bildung also sind für Oken das Wesen des Menschlichen. Nach diesem Ausfall gegen Juristen und alle die, die sich ohne gründliche Überlegung an den Verfassungsentwurf machten, liest Oken der weimarischen Regierung die Leviten. Er zählt ausführlich auf, was in dieser Verfassung vergessen wurde. Ich kann nur eine kleine Auswahl aus diesem Katalog von Vorwürfen geben, die er den Verfassungsgebern als Versäumnisse vorrechnet:

„Es ist nicht sichergestellt:

  • Die Heiligkeit der Wohnung
  • Nicht, dass man durch niemand anders als seinen gehörigen Richter gestraft, verhaftet und in Verhaft gehalten werden könne.
  • Nicht die Unverletzlichkeit des Eigentums (eine Forderung, auf die Oken auch an anderer Stelle der „Isis“ zu sprechen kommt)
  • Nichts über die Öffentlichkeit der Staatsverwaltung
  • Nichts über die Freiheit der Meinung
  • Nichts über das Verhältnis der bewaffneten Macht zu den Unbewaffneten
  • Nichts über die gleichförmige Verteilung der Steuern
  • Nichts über die Unverletzlichkeit des Postgeheimnisses
  • Nichts über die Freiheit des Handeln

usw. usw

Diese Forderungen, die uns durchaus geläufig klingen, weisen Oken als das aus, was ihn neben seinen Verdiensten um die Zoologie noch heute auszeichnet, als einen unerschrockenen und mutigen Vorkämpfer für bürgerliche Freiheit und menschliche Würde. So konservativ in manchen Ohren sein Festhalten an „Geistesständen“ klingen mag, so fortschrittlich ist sein Verlangen nach einem in der Verfassung verankerten Recht. Und so folgert er: Also geschrieben müssen Rechte sein, welche das Volk hat, nicht der Zustimmung der Stände müssen sie überlassen bleiben.“ Geradezu beschwörend schließt er seine Ausführungen über die weimarische Verfassung: „Und so dürfen wir wohl mit Zuversicht erwarten, dass die hohen Stände bei nächstem Landtag mit der hohen Regierung und mit dem Fürsten an das große Werk einer in bestimmte Worte gefassten Verfassung schreiten werden.“

Leider ist dies ein frommer Wunsch, der zu Okens Zeit im thüringischen Herzogtum nicht erfüllt wird; im Gegenteil, Okens unverblümte Sprache erregt den Unwillen der Mächtigen, und es ist unausbleiblich, dass er zur persona non grata wird. Noch im selben Jahr sieht er sich gezwungen“ sich gegen Vorwürfe aller Art, vor allem aber den des Missbrauchs der Pressefreiheit, zur Wehr zu setzen. Unter der Überschrift „Sündigen, Beichten und Sündigen“ schreibt er einen gleichzeitig geharnischten wie auch um Einsicht flehenden Aufsatz gegen Zensur und Bevormundung. Dabei macht Oken kein Hehl daraus, dass er die „Isis“ mit allen rechtlichen Mitteln zu verteidigen gedenke. „Übrigens betrachten wir die „Isis“ als unser Königreich, das wir doch (weil sie unser Eigentum ist, das hoffentlich in Deutschland noch unter der öffentlichen Gewähr steht, und weil sie keines Menschen Rechte zu nahe getreten ist), gegen jeden willkürlichen Eingriff verteidigen werden.“

In fast rührender Weise aber wirbt er um Verständnis für seine liberale Auffassung vom Wesen und der Aufgabe der Polizei: „Die deutsche Polizei weiß, dass es amtlicher, dienstlicher und schätzungswerter ist, ihre Leute Wucherern, Betrügern und Dieben statt Autoren nachzujagen, und statt sie mit politischer Sylbenstecherei die Zeit und den Sinn vergeuden zu lassen!“ (ein Satz, der im heutigen Thüringen leider wieder von hässlicher Realität ist!) Und so entwickelt Oken klar und deutlich, dass ohne die Freiheit der Meinungsäußerung auch in politischen Fragen gerade in einer Zeitschrift wie der „Isis“ sich geistiges Leben nicht entfalten könne.

Die Nationen schätzen Nationen nach dem Maß ihrer politischen Bildung. Ohne diese ist selbst die Literatur nichts; denn nichts ist, was nicht ins Leben übergeht. Politischer Charakter entwickelt sich aber nur durch Freiheit, und nur durch Freiheit geht die Gelehrsamkeit ins Leben über, und nur durch das Leben tritt ein Volk unter die Völker.“ Treffender und überzeugender kann nicht formuliert werden, was das Anliegen aller gebildeten und liberalen Geister seiner Zeit ist. Von dieser Überzeugung ist Lorenz Oken nie abgewichen, auch dann nicht, als man ihm vonseiten der Regierung aufgrund preußisch-österreichisch-russischer Intervention noch heftiger zu Leibe rückt.


Oken auf dem Wartburgfest

na_sch_wrt1Am 17.9.18. und 19. Oktober 1817 versammeln sich auf Einladung der Jenaer Burschenschaft Studenten von 13 Universitäten, um auf der Wartburg bei Eisenach den 300. Jahrestag der Reformation M. Luthers feierlich zu begehen. Es sollen sich etwa 400 – 800 Studenten versammelt haben. Aus Jena kommen auch vier Professoren, unter ihnen Lorenz Oken. Im letzten Heft der „Isis“ von 1817 gibt Oken einen Bericht über diese Versammlung mit dem bezeichnenden Titel „Der Studentenfrieden auf der Wartburg“.

Darin unterstreicht er nachdrücklich den friedlichen Charakter des Festes, betont ausführlich die Regelung studentischer Belange, wie etwa. die Aussöhnung verfeindeter Landsmannschaften u.a. Er verschweigt allerdings auch nicht, dass „Femegericht“ gehalten wurde, indem man neben den Attrappen einiger missliebiger Bücher auch einen Zopf, einen Schnürleib und einen Korporalstock (Symbole der Rückständigkeit und Unterdrückung!) in die Flammen warf. Oken veranschaulicht diese Gegenstände durch exakte Zeichnungen in diesem Isisartikel. Und als ahnt er schon, wie man in vielen Regierungen des Dt. Bundes reagieren würde fügt er warnend hinzu: „Die verkehrteste Hilfe ist überall der Zwang, und Soldatenregiment will nirgends mehr ertragen werden.“ Um den religiösen und gemäßigten Verlauf des Festes zu unterstreichen, vergisst er nicht zu erwähnen: „Danach reisten viele ab; viele aber gingen zum Abendmahl.“ Bemerkenswert ist auch der Mut, mit dem Oken sich in der „Isis“ vor die Studenten stellt mit den Worten: „Sollten irgendwo Studenten deshalb, weil sie auf der Wartburg gewesen, belangt werden, so berichte man es uns!“

Seine Darstellung des Festverlaufs wird durch einen amtlichen Bericht des weimarischen Staatsministers v. Fritsch, der diesen auf ausdrücklichen Befehl des Großherzogs Karl August verfasst, in vollem Umfang bestätigt. Dort heißt es u.a.: „Alle Augenzeugen bewahrheiten den religiösen Ernst, die würdige Haltung, die Rührung, womit das Fest des 18. Oktober im ganzen gefeiert wurde.“ Aber alle diese Versicherungen nützen nichts mehr, als auf russisch-österreichisch-preußischen Druck ein Jahr später die weimarische Regierung gezwungen wird, ein Exempel zu statuieren. Oken hat in der „Isis“ im Verlauf des Jahres 1818 den russischen Staatsrat Graf Stourdza heftig angegriffen, und so stellt die großherzogliche Regierung ihren Jenaer Professor vor die böse Wahl, entweder die „Isis“einzustellen oder die Professur aufzugeben. Oken entscheidet sich für die „Isis“ und wird 1819 entlassen nicht ohne Goethes „ekel – tatkräftige Mithilfe“; Wie A. Schmidt sarkastisch bemerkt. Bis 1827 lebt Oken ausschließlich von der Herausgabe der „Isis“, wobei ihm seine Fähigkeit, in materiellen Dingen sehr bedürfnislos sein zu können, sicherlich zustatten kommt.

Eine Fülle von zustimmenden Leserbriefen bestätigt ihm die Richtigkeit seiner Entscheidung und mag ihn auch in seiner Haltung bestärkt haben. Gleichzeitig erkennt man an diesem Echo auch etwas von der Wirkung der „Isis“, die damals eine der am meisten gelesenen Zeitschriften im deutschsprachigen Raum wird, durchaus dem „Spiegel“ in den 50er Jahren unseres Jahrhunderts vergleichbar. Dennoch erlahmt mit der Erstarkung der Reaktion, wie sie in den Karlsbader Beschlüssen von 1819 zum Ausdruck kommt, das politische Interesse, und ab 1822 finden sich in der „Isis“ nur noch naturwissenschaftliche Themen. Die Zeitschrift gibt Oken bis 1849 heraus, also bis kurz vor seinem Tode.


Die Basler Episode

Trotz oder vielleicht wegen der üblen Folgen, die die missgedeuteten Ereignisse auf der Wartburg zunächst für Oken haben, ist seine akademische Karriere aber keineswegs zu Ende. Sein wissenschaftlicher Ruf wie auch seine Unerschrockenheit mögen ihn der Universitätscuratel von Basel empfohlen haben, so dass seiner Bitte, im Wintersemester 1821/22 in Basel Vorlesungen — gratis privatissime — halten zu dürfen, entsprochen wird. In lateinischer Sprache kündigt er seine Vorlesungen an, die er natürlich auf deutsch hält mit dem Angebot „Gallice solum loquentibus“ die Vorlesung „lingua Gallica propositurus“. Oken hält tatsächlich zwei Vorlesungen und leistet sich wieder einmal ein Kabinettstück besonderer Art,

Ausgerechnet im frommen und orthodoxen Basel schockiert er seine Zuhörer gleich zu Anfang mit Bemerkungen wie „Gott ist Zero“ oder er bezeichnet in seiner naturgeschichtlichen Klassifizierung die Eva als das „Urtier“. Die Reaktion in der Stadt Basel gibt eine kolportierte Bemerkung wieder, die ich in einer medizinischen Dissertation der Universität Basel fand: „Denket au Frau Bass“ — so soll es geheißen haben — „der Professor Oken het g’seit, Got syg nyt, er syg e Nul“!! Der wahre Grund weshalb Oken in Basel nicht Fuß fassen kann, mag aber eher darin liegen, dass er sich in einem früheren Buch nicht gerade positiv über die Schweiz geäußert hat. So bleiben die Basler Vorlesungen für beide Seiten Episode.


Oken in München

1827 erreicht den Herausgeber der „Isis“ schließlich ein Ruf der Universität München, die ihm die Stelle eines Ordinarius für Physiologie anbietet. Oken folgt diesem Ruf, und zunächst scheint sich alles gut anzulassen. Wie überall begeistert Oken auch in München seine studentischen Zuhörer. Doch bald häufen sich die Schwierigkeiten. Oken verwickelt sich in Streitigkeiten mit Kollegen, die über das übliche Maß akademischer Scharmützel hinausgehen. Mit der bayrischen Staatsregierung und auch mit König Ludwig gerät er in Kollision, weil er wieder unverdrossen liberale Grundsätze proklamiert, wie etwa die, die Erziehung müsse politisch werden oder — noch schlimmer — die Religion gehöre nicht dem Staat an, sondern der Menschheit, sei mithin nicht Sache der Staatsaufsicht. Der Streit endet mit einer vom König persönlich ausgesprochenen Versetzung nach Erlangen. Okens Reaktion besteht in einem Satz: „Majestät“, so schreibt er, „ein deutscher Professor wird nicht versetzt, er wird berufen.“ Ein wahrhaft überzeugendes Beispiel von Mannesmut vor Fürstenthronen! Denn die Konsequenz war klar: Oken wird 1832 aus dem bayrischen Dienst entlassen und ist zum zweitenmal ohne Stellung.


Vergebliche Bemühungen in Freiburg

In dieser Situation setzt sich seine Heimatuniversität Freiburg für ihn ein. Der Senat stellt einen Antrag, Oken zu berufen, an die badische Regierung in Karlsruhe. Man hat an der Freiburger Universität nicht vergessen, mit welchem Schwung und mit welcher Hingabe Oken 1817 in der „Isis“ die Universität Freiburg gegen Pläne der badischen Regierung, die Universität aufzuheben, vereidigt hatte. Kaum eine Äußerung Okens trägt so persönliche Züge wie gerade die Verteidigung Freiburgs. Sie ist geprägt von einer gefühlvollen Bindung an diese Universität und Stadt, deren „himmlisch schöne Lage“ er rühmt. Mit der badischen Regierung und ihren schnöden Plänen geht er entsprechend ins Gericht. Aber was ihn in Freiburg der Universität empfiehlt, muss ihn in Karlsruhe der Regierung verdächtig machen. So schreibt der badische Minister Winter (sein Denkmal steht unweit des Karlsruher Hauptbahnhofs) an die Universität: „Ja, den Oken könntet Ihr noch gebrauchen in Freiburg, Ihr habt wohl noch nicht genug Liberale (gemeint waren der Historiker Rotteck und der Staatsrechtler Welcker!) Damit ist der Versuch, Oken an seine Heimatuniversität zurückzubringen, gescheitert.


Rektor Magnificus in Zürich

na_sch_lahr1833 erhält Oken schließlich einen Ruf an die neugegründete Universität Zürich, den er annimmt. Es wird ihm sogar die hohe Ehre zuteil, Gründungsrektor der neuen Universität zu werden. Die Berufung Okens ist in Zürich nicht unumstritten. Konservative Kräfte im kantonalen Erziehungsrat, der für die Ernennung des akademischen Lehrkörpers zuständig ist, sträuben sich gegen den unabhängigen, gelegentlich auch rücksichtslos und schroff auftretenden Oken. Sein Ruf eines unbeugsamen und unbequemen Liberalen ist selbstverständlich auch zur Limmat gedrungen. Aber gerade seine Unerschrockenheit und natürlich auch seine wissenschaftliche und philosophische Bedeutung empfehlen ihn andererseits, so dass die liberalen Kräfte im Erziehungsrat unter Führung von Bürgermeister Melchior Hirzel sich durchsetzen und Oken mit 8 gegen 3 Stimmen gewählt wird. Der mit Oken zugleich berufene Mediziner Joh. Lukas Schönlein schreibt in einem Brief vom 20. Febr. 1833 an Oken: Nägeli (ein Komponist), Hirzel und viele mit ihnen sind Ihre enthusiastischen Verehrer… dass sich einige Opposition gegen Ihre Berufung zeigte, darf Sie weder Wunder nehmen noch Sie gleich in Harnisch jagen….“ Aus den beschwichtigenden Worten Schönleins könnte man als Historiker schließen, dass er Oken und sein hitziges Temperament gekannt haben musste. Indes sind solche Vermutungen überflüssig. Schönlein stand mit Oken seit 1817 in Korrespondenz.

Am 29. April 1833 findet die Eröffnungsfeier der Züricher Universität statt. L. Oken hält nach Bürgermeister Hirzel die Festrede, die ihn wieder als Vertreter einer freiheitlichen, aufklärerischen Wissenschaft ausweist. So entwirft er ein Gesamtbild menschlicher Kulturentwicklung, in deren Darstellung er besonders enthusiastisch die Buchdruckerkunst preist, da erst diese den Kampf gegen Finsternis möglich gemacht habe. Kein Wunder also, wenn in der Festschrift zur Jahrhundertfeier der Universität Zürich von 1938 Ernst Gagliardi schreibt: „Aufklärerische Akzente von Okens Rede mochten reformiert gläubiger Landbevölkerung so wenig wohllautend klingen wie dem orthodoxen Teile städtischer Einwohnerschaft.“

Solche Reserviertheit mancher Züricher gegenüber Wissenschaftlern wie Oken darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Oken — im ganzen gesehen — im Züricher Klima sich wohl fühlte. Schweizerische Nüchternheit, tatbereite Rechtschaffenheit und ein klarer Intellektualismus — allem Romantischen abhold — mögen Okens biederem Sinn eher entgegengekommen sein als anderen seiner deutschen Kollegen. (Alle Ordinarien der Züricher Universität sind 1833 Deutsche!) Ganz sicher wissen wir dass L. Oken weder in Jena, Weimar noch München jemals den Salonlöwen in der geistreichen Konversation literatisch-poetischer Zirkel spielte, wie ihm überhaupt alle Tändeleien fremd und überflüssig scheinen. In seinem (für heutige Leser kuriosen) Buch „Neues Frankreich, neues Deutschland“ von 1814 äußert er den seltsam anmutenden Vorschlag, die Tradition der alten Ratskeller wieder zu beleben, damit die Männer, unter sich und befreit vom lästigen Familienleben, ihre Gedanken austauschen könnten. Das wohl bietet die trocken nüchterne Atmosphäre des republikanischen Zürich.

So ist es auch nicht nur eine Frage des Älter- und Ruhigerwerdens, wenn es in Zürich stiller um L. Oken wird. Schließlich liefern die Verhältnisse auch kaum mehr Anlass zu herber und scharfer Kritik. Die Gemeinde Wipkingen bei Zürich bietet ihm das Bürgerrecht an, das Oken dankbar annimmt. Sein großer Ruf als akademische Lehrer und Forscher bleibt bis zu seinem Tode 1851 erhalten.

Viele hochinteressante Details aus Oken Leben, merkwürdige wie rührende Auffassungen und Stellungnahmen zu Problemen seiner Zeit musste ich hier unberücksichtigt lassen. Vieles aber aus Okens Leben, vor allem aus dem Bereich des Privaten und Persönlichen, ist noch gar nicht erforscht. Nirgendwo beispielsweise ist ein eigentlicher Übertritt des römisch-katholisch getauften Oken zum Protestantismus festzustellen. Doch ist seine Heirat sowie die Geburt seiner beiden Kinder in den Kirchenbüchern der evangelischen Gemeinde Jena eingetragen, und er selbst figuriert im Totenbuch des Großmünsters in Zürich als Mitglied dieser evangelischen Gemeinde.

(Übrigens musste es die Offenburger mit Stolz erfüllen zu wissen, dass Oken seinen einzigen Sohn, der allerdings sehr früh verstarb, nach dem legendären Gründer unserer Stadt „Offo“ nannte.)

Hier liegt noch ein weites Feld für den, dem die Beschäftigung mit einer bedeutenden Gestalt des 19. Jhs. angelegen ist. Dazu müssten allerdings die in verschiedenen Archiven ruhenden Briefe von und an Oken wissenschaftlich ausgewertet werden. Zu meinem großen Bedauern muss ich feststellen, dass die von Professor Dr. Batzer im Offenburger Archiv gesammelten Briefe Okens, auf die Jean Strohl in seinem Buch „L. Oken und Georg Büchner“ von 1936 noch lobend hinweist, verschwunden sind. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, ein wenig vom Geist und Wesen des Mannes zu vermitteln, nach dessen Namen wie er ihn sich selbst geschaffen hat unser Gymnasium benannt ist. Ich glaube, dass wir mit Fug und Recht auf einen solchen Namenspatron stolz sein können. Deswegen wünsche ich, dass dieser Schule immer etwas vom Geist dieses großen badischen Liberalen erhalten bleiben möge!